139.2021
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Als Maschinenbauer interessieren mich auch alte Maschinen, vor allem, wenn sie aus anderen Materialien bestehen als beispielsweise Stahl oder Kohlefaser, die wir heute mit dem modernen Maschinenbau verbinden. Zwei Freunde aus Nonnenhorn kennen meine Leidenschaft und lockten mich
deshalb in das idyllische Bodensee-Weindorf. Sie führten mich an ein Holzgebäude in der Dorfmitte, das an eine Scheune erinnert und ein historisches Gerät enthalten soll. Zu uns hat sich Winzermeister Ulrich Höscheler, Senior im Weingut »Rebhof«, mit einer gut gekühlten Flasche seines spritzigen Müller-Thurgau gesellt. Ehrfurchtsvoll stehe ich vor einem hölzernen Ungetüm, das prominent mitten im Dorf steht. Die Jahreszahl 1591 ist in Pressbaum und Spindel eingehauen. Ulrich Höscheler bediente Deuels Torkel, wie er früher genannt wurde, von früher Jugend an noch bis 1955. Er erläutert mir, dies sei eine Baumpresse zur Gewinnung von Traubenmost, am See Torkel oder Torggel, am Hochrhein auch Trotte genannt. Der Begriff leite sich vom lateinischen torcular ab, welcher für Kelter stünde.
Die Gründung der ersten limnologischen Institute am Bodensee, der Anstalt für Bodenseeforschung in Konstanz-Staad und des Instituts für Seenforschung in Langenargen, jährte sich 2019/2020 zum 100. Mal. Zeit, die Geschichte der Institute und der Bodenseeforschung während der ersten Hälfte dieser 100 Jahre zu erzählen, in der sich die heutige Forschungsstruktur weitestgehend etabliert hat. Demnach soll der Schwerpunkt dieses Rückblicks weniger die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die in dieser Zeit am Bodensee erarbeitet wurden, sein, sondern vor allem die sozialen und politischen Aspekte dieser Forschung, inklusive der Beziehungen der beteiligten Wissenschaftler untereinander. Letzteres wird ermöglicht durch die Existenz umfangreicher Briefwechsel zwischen den beteiligten Wissenschaftlern und anderen Personen aus Ämtern und Wissenschaftsorganisationen in den Archiven der Stadt Konstanz, der Gemeinde Langenargen, des Staatsarchivs in Sigmaringen, der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin und des Instituts für Seenforschung in Langenargen. Kurze Zusammenfassungen der Geschichte der Institute wurden vor kurzem von Kümmerlin und Meyer veröffentlicht.
Der Hegau und seine Umgebung
(2021)
Seit über dreihundert Jahren ist der Hegau Gegenstand geologisch-morphologischer Forschung (vgl. Schreiner 1992, S. 6). Die umfangreichen Erkenntnisse zum Gesteinsuntergrund und zu den Oberflächenformen machen deutlich, dass Prozesse von Verwitterung, Abtragung und Sedimentation hier, im westlichen Teil des Bodenseeraums, in großer Vielfalt und im engen Zusammenspiel mit Hebungs- und Senkungsvorgängen abgelaufen sind und dabei einen außergewöhnlich reichen Formenschatz hervorgebracht haben. Weil zusätzlich noch die landschaftlich reizvollen Vulkane mit ins Spiel kommen, kann man mit Fug und Recht behaupten: Eine Landschaft wie aus dem Geologie-Lehrbuch …
Der Hohentwiel
(2021)
Die Stadt Singen/Htwl., die seinen Namen als Zusatz trägt, überragt der markante Burgberg Hohentwiel, das Wahrzeichen der Stadt und der Vulkanlandschaft Hegau. Als ich im Jahr 2015 eine Wohnung in Singen bezog, lief ein Mitarbeiter des Singener Umzugsunternehmens einmal um das Haus und stellte fest: »Von hier aus sieht man den ›Hontes‹, die Wohnung ist in Ordnung.« Diese Aussage verdeutlicht, dass der »Singener Hausberg« für »Singemer/-innen« und viele in Singen lebende Menschen eine große Wertigkeit hat. Oft wurde und wird der Hohentwiel – im Volksmund »Hontes« – als das Wahrzeichen Singens und des Hegaus bezeichnet (Abb. 1–2).
Konstanz wurde erst am Ende seiner österreichischen Zeit zu einem politischen Zentrum, als Maria Theresia am 29. April 1752 Vorderösterreich aus der Unterordnung unter Innsbruck löste und zu einer eigenen Provinz mit Konstanz als Hauptstadt erhob. Die Stadt beauftragte den Barockbaumeister und Erbauer der Wallfahrtskirche Birnau, Peter Thumb, mit der Errichtung eines Verwaltungsbaus. Thumb errichtete 1753/54 dieses Gebäude, sein einzigster Bau in Konstanz, in der heutigen Hussenstraße Nr. 23. 1960 veranlasste der Konstanzer Oberbürgermeister Bruno Helmle den Verkauf dieses Gebäudes auf Abbruch an einen Kaufhauskonzern. Mit einem Federstreich wurde das einzige bauliche Zeugnis einer ganzen historischen Epoche vernichtet.
Der Chemiker Ernst Wagner
(2021)
Das Leben von Dr.-Ing. Ernst Wagner (1907–1961) endete tragisch. 53-jährig kam der Chemiker – laut Meldung der Konstanzer Tageszeitung »Südkurier« – nach einem Sturz aus einem 20 Meter hohen Neubau im Werksgelände der Degussa in Rheinfelden am 22. Juli 1961 zu Tode. In einem Nachruf in derselben Tageszeitung wurde Wagner als »Chef-Chemiker und stellvertretenden Werksleiter« des Rheinfeldener Werks gewürdigt, der einmal wöchentlich auch im Konstanzer Ableger der Firma am Seerhein tätig war. Ernst Wagner wurde im »engsten Kreise der Angehörigen und der leitenden Persönlichkeiten der Degussa« in Rheinfelden beerdigt, sein Leichnam wurde zu einem späteren
Zeitpunkt auf den Dorffriedhof in Litzelstetten überführt, das damals noch nicht nach Konstanz eingemeindet war.
In einer mittelgroßen Stadt wie Konstanz mit ihren zentralen Einrichtungen für jüdische DPs erwartet man eigentlich, deren Spuren auch in den städtischen Akten zu finden. Doch bis auf wenige Ausnahmen hat beispielsweise die Geschichte des jüdischen Kibbuz im Lager Egg in den städtischen Akten und in der lokalgeschichtlichen Literatur kaum Niederschlag gefunden. Im Gegensatz zu Hohenems oder Gailingen dürfte die Stadt nach Kriegsende in einem so hohen Maße von »Displaced Persons« aller Nationalitäten aufgesucht worden sein, dass die vergleichsweise kleine Gruppe jüdischer Holocaust-Überlebender nicht besonders auffiel.
Überall liegt Schnee, eine dicke Schicht Schnee. Auf der einen Seite wirkt der Himmel bedrohlich, nach mehr Schneefall, auf der gegenüberliegenden Seite geht gerade die Sonne unter. Doch still ist es im Dorf nicht. Hunderte von Menschen haben sich hier versammelt. Hauptsächlich Soldaten, ab und zu mischen sich Zivilisten ins Bild. Dazu Pferde und riesige Haufen an Waffen. Es herrscht Hunger, Unterkühlung, Krankheit. Überall Verwundete.
Zwischen dem 1. und 3. Februar 1871 traten 87.847 Soldaten der französischen Ostarmee über die Grenze in die Schweiz über und lösten damit den ersten großen Einsatz des Schweizer Roten Kreuzes seit seiner Gründung vier Jahre zuvor aus. Eine folgenschwere Entscheidung des französischen Generals Justin Clinchant. Sie beeinflusste die gesamte Schweiz nachhaltig. 150 Jahre sind seither vergangen. Als Erinnerung an diese beispiellose Rettungsaktion malte Edouard Castres vor 140 Jahren ein berühmtes Panoramabild, das heute in Luzern unter der Bezeichnung Bourbaki-Panorama zu bewundern ist.
Für mehr Demokratie
(2021)
Wer im beginnenden 21. Jahrhundert einer politischen Partei beitreten möchte, wird vorher ganz genau und gründlich deren Programm und Inhalte studiert haben. Parteien sind somit gut damit beraten, ihre Inhalte, Werte und maximalen Forderungen transparent zu kommunizieren, wenn sie damit eine breitere Wählerschaft ansprechen wollen. Moderne Parteien sind in der Regel Kinder der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als liberale, sozialdemokratische/sozialistische und konservative Gruppierungen überall in Westeuropa ihre Interessen im Gegensatz zueinander artikulierten und sich entsprechend organisierten. In der Vormoderne (vor ca. 1800) gab es zwar bereits »Faktionen« oder »Parteiungen«, die indessen erst mehr oder weniger lose um eine oder um mehrere Führergestalten oder, in Reichsstädten, um patrizische Geschlechter herum gruppiert waren. Parteiprogramme und eigentliche Kampagnen oder systematische, auch bildliche Propaganda waren noch weitgehend unbekannt. Ich würde deshalb für die Zeit der Vormoderne auch nicht von »Partei«, sondern neutraler und weniger emotionsgeladen von »Parteiung« sprechen. Dies gilt auch für die vormoderne Eidgenossenschaft, wo Wahlen in (Klein-)Städten, in ländlichen Gemeinden (»Kommunalismus« nach Peter Blickle) und natürlich insbesondere in den acht Landsgemeindeorten (»Länderorte«, »Popularstände«) Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Glarus, Appenzell Ausserrhoden sowie Appenzell
Innerrhoden verhältnismäßig häufig waren, ja zum beinahe zum politischen Alltag gehörten. Dabei kamen trotz häufigen scharfen Verboten seitens miteinander konkurrierender Oligarchen oftmals nicht unbeträchtliche Bestechungsgelder zum Einsatz, gerade bei umstrittenen Wahlen zu den höchsten Landesämtern.