77.2020
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Nachruf auf Dr. Franz Götz
(2020)
Der Hegau ist ärmer geworden. Ich habe das Gefühl, dass sein Fehlen jetzt schon spürbar ist. Dr. Franz Götz, der Alt-Kreisarchivar, war wie kaum ein anderer mit der Hegau-Landschaft verbunden. Lieber Franz, Du warst in bewundernswerterweise zufrieden mit Deinem Leben und bereit für diesen Abschied von hier und vom Hegau. Du hast alles bestens geregelt – und mir dabei die ehrenvolle und zugleich schmerzvolle Aufgabe übertragen, hier über Dich zu sprechen. Ob ich dem gerecht werden kann? Ich will’s versuchen.
»Das Leben ist der größte Lehrmeister; ihm zahlt man die höchsten Honorare!« Mit diesem Zitat leitet Carl Alfred Kellermann seine Autobiographie ein, die er 1907 in Erzählform mit dem Titel »Tagebuch eines Hauslehrers. Reminiszenzen in allen Potenzen « unter dem Pseudonym Dr. v. Wedel herausgegeben hat. Da Kellermann heute fast vergessen ist und bisher Weniges, meist nur Lückenhaftes, über ihn geschrieben wurde, soll er hier, soweit es die verfügbaren Quellen hergeben, vorgestellt werden.
Für mich als Gottmadinger lag der Hohentwiel vor meinem Kinderzimmerfenster. Doch wem gehört der Hohentwiel? Der Hohentwiel liegt auf Singener Gemarkung, war er aber, historisch gesehen, wirklich der Singener »Hausberg«? Die Stadt Singen heißt offiziell »Singen (Hohentwiel)«, das suggeriert ein enges Verhältnis. In der stürmischen Silvesternacht 1968/69 hisste der Singener Oberbürgermeister Theopont Diez stolz mit einigen Getreuen die Fahne seiner Stadt auf dem Kirchturm auf dem Hohentwiel – war dies eine Rückkehr, eine Heimkehr, eine Eroberung oder einfach eine Umgemeindung?
Im Fremden daheim
(2020)
Im Jahr 2021 finden in Radolfzell die baden-württembergischen Heimattage statt. Ein reichhaltiges, buntes Programm widmet sich dem Thema. Zugleich begeht die Trachtengruppe Alt-Radolfzell ihr 100-jähriges Bestehen und das stadtbildprägende Österreichische Schlösschen feiert den 400. Geburtstag. Mehr Heimat geht nicht – oder? Gerne in Vergessenheit geraten jene Menschen, die hierher geflohen sind, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, und für die inzwischen Radolfzell ebenso Heimat bedeutet wie für die Alteingesessenen. Der Beitrag ist eine erste Spurensuche und zugleich ein Appell, sich zu melden, um wenigstens einige Schicksale von Menschen, die nach 1945 hier flüchteten, aufzuzeichnen und deren Leistung für den Hegau
wertzuschätzen.
Ende der 1950er Jahre führte die wirtschaftliche Expansion, die sich bisher auf den Zustrom der Heimatvertriebenen und DDR-Flüchtlinge stützen konnte, zu einem immer ausgeprägteren Arbeitskräftemangel. Die Wirtschaft fand einen Ausweg in der Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern, die vor allem aus Italien kamen. Erstmals berichtet der »Südkurier« am 9. November 1959 davon, dass 78 Italiener sich im Kreis Stockach befinden, von denen 50 in den letzten drei Jahren gekommen seien. In Stockach hat die Maschinenfabrik Fahr italienische Arbeitskräfte eingestellt, während »Hoch und Tiefbaufirmen und landwirtschaftliche Großbetriebe ihren Arbeitskräftebedarf seit Jahren teilweise aus dem Land südlich der Alpen decken«.
Das am 20. Dezember 1955 geschlossene »Abkommen über die Anwerbung und Vermittlung von italienischen Arbeitskräften in die Bundesrepublik Deutschland« steht für den Beginn einer systematischen staatlichen Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern durch die Bundesrepublik Deutschland. Als fundamentaler Bestandteil dieser bilateralen Vereinbarung galt das »Rotationsprinzip«. Dementsprechend war der Arbeitsaufenthalt der Italiener befristet, ihre dauerhafte Niederlassung nicht beabsichtigt und eine Integration somit unerwünscht. Die zunächst für neun Monate
gestattete Arbeitsaufnahme und die vorgesehene Rückkehr ins Heimatland trugen dazu bei, die ausländischen Arbeitnehmer als »Gastarbeiter« zu bezeichnen.
Gelato aus Italien
(2020)
Eisdielen, in denen offenes Eis zum Verzehr im Lokal oder zum Mitnehmen angeboten wird, gibt es 2020 in Konstanz beinahe ein Dutzend. Sie tragen alle italienische Namen und pflegen ein italienisches Image, doch ist es heutzutage nicht mehr ohne weiteres gesagt, dass es wirklich Italiener sind, die sie betreiben. Die Mehrzahl der Konstanzer Eisdielen dürfte aber noch immer in italienischer Hand sein, das heißt, das Personal vom Pächter und den Eisherstellern bis hin zur Bedienung stammt weitgehend ebenso aus Italien wie der Espresso, die Kaffeemaschine und oft auch die Einrichtung. Aber irgendwie geschützt ist die traditionelle Eisdiele nicht, und jeder, der möchte, kann ein solches Lokal eröffnen, es irgendwie »italienisch« einrichten und ihm einen italienischen Namen geben. Das Geschäft brummt: Die Altstadt von Konstanz ist von Urlaubern und Schweizer Einkaufstouristen oftmals völlig
überlaufen, vor allem in der »Saison« im Sommerhalbjahr.
Durchgangszimmer
(2020)
Am 13. März 2016 ermöglichte die Gemeinde Gottmadingen anlässlich eines »Tages der offenen Tür« den Einwohnern die Besichtigung der Villa Graf; eine 1906 von einer ortsansässigen Brauereifamilie erbauten Jugendstilvilla. Ab Anfang Mai 1945 befand sich in deren Räumen die französische Ortskommandantur, später eine Gendarmerie-Brigade. In einem der Kellerräume der Villa fanden sich bei der Besichtigung Inschriften, die eine Nutzung dieses Raumes als Haftzelle durch die französische Verwaltung belegen. Die meisten wurden vom Verfasser fotografiert und die lesbaren sollen hier dargestellt werden.
Von den 508 Opfern der NS-»Aktion T4« aus der Anstalt Reichenau sind 17 Opfer »aus der Schweiz«. Diese Patienten und Patientinnen sind meist in den 1920er und 1930er Jahren aus der Schweiz »ausgeschafft« worden, obwohl sie in der Schweiz geboren wurden, zur Schule gegangen waren und gearbeitet hatten, jedoch kein dauerndes Aufenthaltsrecht (»Bürgerrecht«) besaßen, weil ein Elternteil (oder die Eltern) ursprünglich aus Baden oder Württemberg in die Schweiz eingewandert war.
Mit einer neuen Präsentation zeigte sich das seit 1939 geschlossene Heimatmuseum Radolfzell 1956 in den Räumen des Scheffelschlösschens. Zuvor hatte »Frau Dr. Schulz« (vermutlich Dr. Elfriede Schulze-Battmann) vom Staatlichen Amt für Denkmalpflege in Freiburg den Museumsbestand inventarisiert. In der Rubrik (VII) Schmuck hatte sie einen zahlenmäßig kleinen Bestand erfasst, zu dem insbesondere Broschen, Anhänger, Ringe und Gürtelschnallen gehören. Unter der Position 31 ist aufgeführt: »Krawattennadel, golden, Indianerkopf (Pfandstück von Kaufmann M. Abraham v. Dresden) in Umschlag«. Das Objekt stammte nicht aus der 1906 vom Gemeinderat initiierten und von der Bürgerschaft zusammengetragenen Altertümersammlung. Bei einer ab 1985 vom Verfasser durchgeführten Überprüfung des Museumsbestandes war der »Indianerkopf« nicht mehr auffindbar. War er nach der
Schließung des Museums auf der Halbinsel Mettnau 1962 und der anschließenden Verlagerung der Exponate in verschiedene Magazinräume abhandengekommen?