28.2024
Filtern
Erscheinungsjahr
- 2023 (25)
Dokumenttyp
Sprache
- Deutsch (25)
Gehört zur Bibliographie
- nein (25)
Schlagworte
- Heidelberg (17)
- Geschichte (12)
- Biografie (8)
- Auszeichnung (2)
- Architektur (1)
- Baden (1)
- Baden-Württemberg (1)
- Bauernhof (1)
- Bergfriedhof Heidelberg (1)
- Bildliche Darstellung (1)
Soziologie in Heidelberg
(2023)
Die Institutionalisierung des Fachs Soziologie an deutschen Universitäten verlief in unterschiedlichen Phasen und mit unterschiedlicher Prägnanz. Es gab in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine dominante und räumlich zuzuordnende Schule wie beispielsweise die Durkheimschule in Paris oder die sogenannte Chicago School in den USA, die Entwicklung war hauptsächlich geprägt durch einzelne Personen und deren jeweilige Vorstellungen von Soziologie. So bildeten sich "lokale Zentren" etwa in Frankfurt (Franz Oppenheimer, Institut für Sozialforschung), Köln (Leopold von Wiese), Leipzig (Hans Freyer) oder in gewisser Weise auch in Heidelberg (Alfred Weber), wobei sich aber kein klares Muster einer universitär geprägten Soziologie oder
gar eines homogenen disziplinären Profils des Faches etablieren konnte. Stattdessen bildeten sich "uneinheitliche Milieus" von Wissenschaftlern, die intern oft auch heterogene Vorstellungen von Soziologie vertraten. In den 1920er-Jahren war die Soziologie in der Regel eng mit der Nationalökonomie verbunden, und es wurden unterschiedliche disziplinäre Konzepte und Ideen verfolgt, es fehlte der jungen Disziplin an einem klaren methodischen und theoretischen "Selbstverständnis".
Weber und Wirkung
(2023)
Für den 13. und 14. Oktober 2022 hatten das Universitätsarchiv Heidelberg, das Max-Weber-Institut für Soziologie und der Freundeskreis für Archiv und Museum der Universität Heidelberg zu einer Tagung eingeladen, die sich der Rezeption des Heidelberger Nationalökonomen und Soziologen Max Weber widmete. Weber war eine wissenschaftliche Riesengestalt, die mit Verve in die politischen Debatten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik eingriff und zugleich das Fundament der deutschen Soziologie begründete, vergleichbar allenfalls mit Emile Durkheim und dessen Schule in Frankreich.
Darzustellen waren also Webers (Nach)-Wirkung – im Grund bis in die Gegenwart. Weber ist historisch, seine universalgelehrte Präsenz wirkt heute fast befremdlich. Sein Darstellungsmodus ist erdrückend und stupend undidaktisch, aber er wirkt, irritiert, verunsichert und beeindruckt alle, die sich auf ihn einlassen. Außerdem hat er eine biografiesüchtige Gefolgschaft, die nicht müde wird, seine spärlichen erotischen Kontakte jenseits der "Kameradenehe" mit Marianne Weber zu thematisieren.
Am 24. November 2016 wurde das Füllhaltermuseum in Handschuhsheim eröffnet. Die Stadt Heidelberg hatte sich nach einem einstimmigen Votum des Bezirksbeirats und der Verpflichtung des Stadtteilvereins Handschuhsheim, die Trägerschaft zu übernehmen, dazu bereit erklärt, die ehemalige Fahrzeughalle der freiwilligen Feuerwehr im alten Handschuhsheimer Rathaus umfangreich zu renovieren und zu einem örtlichen Museum umzuwidmen. Die Genehmigung begründete sich mit dem Stadtentwicklungsplan, nach dem sich die Stadt verpflichtet, Solidarität und Eigeninitiative, Selbsthilfe und bürgerschaftliches Engagement zu fördern. Die Umbaukosten der Stadt wurden auf 248.000 Euro veranschlagt. Der Betrag wurde aus Haushaltsresten des Vorjahres gedeckt. Die Inneneinrichtung mit Vitrinen, Tischen, Stühlen etc. sollte vom Stadtteilverein übernommen werden. Der Verein warb die dafür anstehenden Kosten bei Sponsoren, Vereinsmitgliedern und weiteren Bürgern ein und verpflichtete sich auch zur Übernahme laufender Betriebskosten sowie zur Mietumlage der Räume in diesem städtischen Gebäude. Der Schauraum hat eine Größe von ca. 46 Quadratmetern, daran schließt sich ein kleiner Raum an, der als Werkstatt zur Besichtigung dient. In diesem Raum wurde auch eine Küchenzeile eingebaut. Die Idee und das Ziel dieses Museums sind die Darstellung der Geschichte der Heidelberger Füllhalterindustrie. Da die geschäftlichen Verbindungen nicht an Stadtgrenzen enden, ist auch der Kreis und die weitere Umgebung ins Gesamtbild einbezogen.
"Madame sein ist ein ellendes handwerck" schrieb die Pfalzgräfin Elisabeth Charlotte (1651–1722), von ihren kurpfälzischen Verwandten Liselotte gerufen, in einem ihrer berühmten Briefe aus Frankreich. Elend sah die Stammmutter des Hauses Orléans auf den Porträts aber ganz und gar nicht aus, die das Kurpfälzische Museum Heidelberg vom 6. November 2022 bis zum 22. Januar 2023 in einer interessanten, aber etwas unübersichtlich gestalteten Ausstellung mit Leihgaben aus Versailles, Speyer, der Sammlung Patrick Heinstein und mit Neuerwerbungen präsentierte. In die Dauerausstellung integriert, deren Exponate und Objektbeschriftungen entsprechend angepasst wurden, verteilte sie sich auf drei Museumsräume im ersten Stock des barocken Palais Morass. Anlass der Ausstellung, die in Kooperation mit dem Historischen Seminar entstand, war Liselottes 300. Todestag. Am 8. Dezember 1722 starb sie mit 70 Jahren in ihrem Schloss Saint-Cloud bei Paris.
"Heute ist ja alles anders. […] Es ist heutzutage nicht mehr so ein Tabuthema. […] Und wenn ich heute als Lesbe was will, zum Bespiel als Forscherin, dann kann ich das besser durchsetzen. Man traut sich nicht mehr zu sagen, dass das kein Thema mehr ist." Diese Einschätzung einer lesbischen Frau Mitte 60 stammt aus den Oral History-Interviews, die Benno Gammerl für seine Geschichte schwulen und lesbischen Lebens in der Bundesrepublik führte. Doch trotz des hier zum Ausdruck kommenden Optimismus über das Erreichte ist die Geschichte lesbischen Lebens an deutschsprachigen Universitäten bisher unterrepräsentiert. Das gilt, obwohl die Arbeiten von Aktivist*innen, lokalen Gedenkinitiativen und Geschichtswerkstätten zeigen, dass es eine queer-lesbische Geschichte gibt, die es zu erzählen gilt. Es gibt sie als eigenständige Geschichte einer Gruppe, die "im späten 19. Jahrhundert als eigene ‚Spezies‘ beschrieben worden war"– eine Figur der "Homosexualität", die sich erst ab den späten 1980er-Jahren aufzulösen begann. Es gibt diese Geschichte aber auch als eine verflochtene, die gemeinsam mit der Geschichte der Mehrheitsgesellschaft in ihren gesellschaftlichen, politischen, rechtlichen und ökonomischen Entwicklungen erzählt werden muss.
In den Matrikelregistern der Universität Heidelberg für das Wintersemester 1918/19 findet sich ein interessanter Name: Chasie Hairi aus Constantinopel, geboren am 15. August 1899. Sie wurde am 8. November 1918 als 434. Studentin und eine von drei türkischen Studierenden immatrikuliert. Zusätzlich finden wir die Angaben, dass sie "muham (mohamedanisch)" sei, in der Philosophischen Fakultät studieren wird und
ihr Vater Beamter der Zolldirektion in Constantinopel ist. Vertiefend und aufschlussreich ist, dass sie während ihres Aufenthalts in Heidelberg
ein in türkischer Sprache verfasstes Tagebuch geführt hat. Das lange Jahrzehnte im Familienarchiv aufbewahrte Tagebuch "Tägliche Erinnerungen zu den Jahren 1918–1919" deckt den Zeitraum von Februar 1918 bis Januar 1919 ab und ist 2020 von Hakan Sazyek in lateinischer Schrift in Ankara herausgegeben worden. In den Zeitraum des Tagebuchs fallen wichtige Ereignisse der deutschen Geschichte: Das letzte Jahr des Ersten Weltkriegs, der Waffenstillstand, die Novemberrevolution und die Wahl zur Nationalversammlung der Weimarer Republik. Alle diese Ereignisse haben auch in
Heidelberg ihren Niederschlag gefunden und erwartungsgemäß Spuren im Tagebuch der jungen, türkischen Studentin hinterlassen. Zugleich erfahren wir von ihrem Leben, ihren Wahrnehmungen und vielen alltäglichen Ereignissen in Stadt und Universität.
Über Friedrich Gundolf wird von verschiedenen Reisebegleitern erzählt, dass er in fremden Städten Antiquariate aufsuchte und dort nach wenigen Minuten eine Rarität, eine Erstausgabe oder ein Widmungsexemplar in der Hand hatte. Ich selbst hatte dieses Glück nie, wobei allerdings der heutige Gebrauchsbuchmarkt ohnehin derlei Entdeckungen weithin ausschließt: Mit ein paar Mausklicks lässt sich der Wert eines Objekts sofort ermitteln und entsprechend vermarkten. Der Fund, über den hier berichtet werden soll, ist keine Sensation, zählt aber doch zu den wenig beachteten Quellen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Titel der anonymen Schrift lautet: "Gedenkbüchlein für alle, die in Heidelberg froh und vergnügt waren", umfasst 160 Seiten im Oktavformat und erschien 1837 im Verlag von Karl Groos. Der Umschlag zeigt vorne das Große Fass und hinten das heute abgängige
Luther-Haus am Mönchhof in Neuenheim. Der eigentliche Text enthält keine Abbildungen; nur vor dem Titelblatt, also an sehr hervorgehobener Position, findet sich die Zeichnung der Perkeofigur vom Fasskeller. Es ist das erste Mal, soweit ich sehe, dass dem Hofzwerg eine Art kultischer Verehrung gewidmet ist.
In Heidelberg, namentlich in Rohrbach, kannte ihn seinerzeit fast jeder. Sein Auftreten glich dem eines Paradiesvogels, den man so schnell nicht vergisst. Am 19. August 2024 würde Munke 90 Jahre alt werden. Geboren in der Heidelberger Grabengasse, in der Heiliggeistkirche getauft, verbrachte er sein weiteres Leben im elterlichen Anwesen in Rohrbach, wo er sich 1960 in einem ehemaligen Stallgebäude ein Atelier einrichtete und auch dort wohnte. Über seine Schulbildung und seinen künstlerischen Werdegang gibt die einschlägige Literatur Auskunft. Sein künstlerisches Schaffen basierte auf einer Munke eigenen Fantasie, die er als Maler in Öl oder Acryl ambitioniert auf die jeweiligen Bildträger projizierte, frei von jeglichen intellektuellen Attitüden. Es entstanden Arbeiten, die sich um die damals aktuellen Stilrichtungen wenig kümmerten, sie geradezu negierten und einer schon vergessen geglaubten Poesie huldigten. Trotz Ablehnung und Spott seitens der Heidelberger Kunstkritik blieb er sich und seinen als exzentrisch empfundenen Vorstellungen bis zu seinem Tod 1990 treu. Seine Bilder stießen vor allem in Sammlerkreisen auf beachtliche Resonanz. Der Künstler hinterließ ein umfangreiches, einheitliches Werk, das eindrucksvoll eine "eigene Handschrift" erkennen lässt und das man aus heutiger Sicht als "neoromantisch"
charakterisieren könnte.
Die Villa Krehl in der Bergstraße 106 in Handschuhsheim war im Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Heidelberg schon Gegenstand von zwei Aufsätzen. Auch in anderen stadt- und architekturhistorischen Arbeiten hat sie einen prominenten Platz. Das ist nicht verwunderlich bei dem "vielleicht […] stolzeste[n] Privathaus, das vor dem ersten Weltkrieg gebaut worden ist". Dennoch lohnt es, die Villa Krehl erneut in den Blick zu nehmen. Sie erweist sich nämlich als ein Knotenpunkt der Heidelberger Baugeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das hat zunächst mit ihrem Architekten, dem Karlsruher Architekturprofessor Friedrich Ostendorf (1871–1915), zu tun. Die Villa Krehl ist das gebaute Schaustück seiner Architekturtheorie. Was Bernd Müller in seinem "Architekturführer Heidelberg" anspricht, den Einfluss Ostendorfs und seiner Schüler auf die Heidelberger Architektur dieser Zeit, hat seinen Kristallisationspunkt in der Villa Krehl und kann von ihr aus näher beleuchtet werden. Neben Ostendorf selbst, der mit dem Physikalischen Institut am Philosophenweg ein weiteres stadtbildprägendes Ensemble errichtet hat, verknüpfen sich hier die Wege vieler für Heidelbergs Baugeschichte wichtiger Persönlichkeiten. Die Villa Krehl bildet so als biografischer Knotenpunkt den Ausgang für die bauliche Entwicklung Heidelbergs bis in die 1930er-Jahre mit der Neuen Universität als sozusagen der Villa Krehl gegenüberliegendem Kulminationspunkt. Die Villa Krehl ist aber auch ein topografischer Knotenpunkt. Rund um sie gruppieren sich Gebäude, an denen sich Aspekte der Architektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzeigen lassen. Um beide Aspekte besser zu verstehen, sei ein kurzer Blick auf die Entwicklung
der Architektur zur Bauzeit der Villa Krehl geworfen.
Die fotografische Sammlung der Library of Congress (LoC) in Washington D.C. umfasst eine große Anzahl von stereoskopischen Aufnahmen, die, durch eine entsprechende Gerätschaft betrachtet, einen räumlichen Eindruck des Motivs vermitteln. Einige von ihnen zeigen Szenerien aus Heidelberg, die alle aus der Zeit um 1900 stammen. Unter den Fotografen, soweit sie vermerkt sind, finden sich Namen, die in Wissenschafts- und Fachkreisen bekannt sind. Wir haben uns jedoch mit Carleton H. Graves befasst, einem der unbekannteren Fotografen, zu dem man verlässliche Informationen vergebens sucht. Von Graves haben sich in der Sammlung der LoC – und wahrscheinlich nur dort – die beiden hier abgebildeten Motive aus Heidelberg erhalten, die wie folgt beschriftet sind: "7010 Heidelburg [!] bridge and castle, Germany" und "7011 The broken tower of Heidelburg castle, Germany." Am linken Rand des Passepartouts befindet sich jeweils der Vermerk: "C. H. Graves, Publisher and Gen’l [General] Manager, Philadelphia, U.S.A.", auf der rechten Seite steht: "Sold only by agents of The Universal Photo Art Co." und in die Fotos ist eingedruckt: "Copyright 1900 by C. H. Graves, Phila."; das heißt, Graves war zugleich Fotograf und Verleger der Aufnahmen.
Die Gründung der Erbhofsiedlung Neurott - ein Stück nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik?
(2023)
Historisch Interessierte werden bei Heidelberger Bauten aus der Zeit des Nationalsozialismus an die Kasernenbauten der Wehrmacht denken, vor allem aber an die Thingstätte auf dem Heiligenberg und den Ehrenfriedhof oberhalb des Bergfriedhofs. Diese beiden Anlagen wurden in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1936 als "vom Geist des III. Reiches getragene Neuschöpfungen […], aber auch als Musterbeispiele neuer
Baugesinnung" bezeichnet. Weit weniger bekannt sein dürfte ein Bauvorhaben, das in der Zeit des Nationalsozialismus an der äußersten südwestlichen Peripherie Heidelbergs entstand. Am 26. Juni 1938 wurde die zum Stadtteil Kirchheim gehörende landwirtschaftliche Siedlung Neurott eingeweiht. Die neu entstandenen Höfe waren Erbhöfe im Sinne des Reichserbhofgesetzes vom 29. September 1933. Dieses Gesetz atmet in Inhalt und Sprache den Geist nationalsozialistischer Ideologie. Die Eintragung der Höfe der Siedlung Neurott in die Erbhöferolle gem. § 1 (3) Reichserbhofgesetz verknüpfte die Gründung der Siedlung mit der nationalsozialistischen Ideologie. Handelte es sich dabei also wie bei Ehrenfriedhof und Thingstätte um eine vom Geist
des "Dritten Reiches" getragene Neuschöpfung, um ein "Stück nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik"? Darauf versucht der vorliegende Artikel, eine Antwort zu geben.
Wer heute am Neckar zwischen dem Wehrsteg und der Ernst-Walz-Brücke spazieren geht, kann sich kaum vorstellen, dass vor rund 50 Jahren noch Kräne und Kohlenberge das Bild des Neckarufers in diesem Abschnitt prägten. Mit dem Bau der Staustufe Wieblingen im Zuge der Kanalisierung des Neckars und seines Ausbaus zur Großschifffahrtsstraße entstand 1925 unterhalb der Ernst-Walz-Brücke (damals: Hindenburgbrücke) durch Aufschüttungen am ehemaligen Mühlkanal ein Gelände, das erst zur Anlegestelle und dann zum Hafen ausgebaut wurde. Das neu entstandene Gelände war als Anlegeplatz gut geeignet: Das Ufer lag außerhalb der Schifffahrtsrinne und hatte durch das neue Stauwehr einen nahezu konstanten
Wasserpegelstand. Von 1928 bis zum Zweiten Weltkrieg wurde es nur im westlichen Teil von der Mannheimer Kies- und Baustoff-Firma Weber & Co. für den Umschlag von Sand und Kies genutzt, ab September 1934 war dort ein Dampfdrehkran in Betrieb. In den 1930er-Jahren gab es durch ambitionierte zivile und militärische Bauprojekte reichlich Bedarf an Baumaterial, so für die Reichsautobahn Heidelberg-Mannheim oder den Kasernenbau in Heidelberg. Sogar für den Bau des "Westwalls" wurde in Bergheim Material umgeschlagen.
Wer heute auf dem zentralen Platz des Universitätscampus "Im Neuenheimer Feld" vor der Mensa steht, ahnt nicht, wie dieses Gelände in den 1950er- und 1960er-Jahren aussah. Um zum Tiergarten und zum Freibad zu gelangen, nahm man damals die verlängerte Mönchhofstraße/Tiergartenstraße und erreichte östlich des Botanischen Gartens ein Sportgelände – den Universitätssportplatz. Dazu gehörten ein Stadion entlang der Straße, mehrere Gras- und Aschespielfelder sowie Tennisplätze nördlich der Chirurgischen Klinik. Dieses Sportgelände wurde in Verbindung mit der 550-Jahr-Feier der Universität am 24. Juni 1936 mit den Heidelberger Leichtathletik-Hochschulmeisterschaften und einem Fußballspiel zwischen den Universitäten Frankfurt und Heidelberg eröffnet. Am folgenden Sonntag, dem 28. Juni 1936, fand in Anwesenheit des Reichserziehungsministers Bernhard Rust und des badischen Kultusministers Otto Wacker ein Fußballspiel im Rahmen der Studentenweltmeisterschaften zwischen Deutschland und Ungarn statt. Beim Empfang der beiden Mannschaften am Vorabend im Rathaus beschwor Oberbürgermeister Carl Neinhaus in seiner Begrüßung die Freundschaft und "Waffenbrüderschaft" beider Völker.
Vor dem Sondergericht Mannheim, über dessen Tätigkeit in Zusammenhang mit Heidelberger Strafrechtsfällen in den Jahren des "Dritten Reiches" an dieser Stelle schon zweimal berichtet worden ist, mussten sich nicht nur politische oder weltanschauliche Gegner des Nationalsozialismus verantworten, sondern auch Menschen, die sich durch eine angemaßte Mitgliedschaft in der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen Vorteile verschaffen wollten. So legte die Heimtückeverordnung vom 21. März 1933, die Delikte definierte, die in die Zuständigkeit der Sondergerichte fielen, unter anderem
fest: "Wer die Uniform eines Verbandes, der hinter der Regierung der nationalen Erhebung steht, in Besitz hat, ohne dazu als Mitglied des Verbandes oder sonstwie befugt zu sein, wird mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft", und das Tragen einer solchen Uniform oder auch nur eines die Mitgliedschaft kennzeichnenden Abzeichens musste in jedem Fall mit Gefängnishaft bestraft werden; Zuchthaus sogar war, sofern es keine mildernden Umstände gab, vorgesehen, wenn beim Begehen oder Androhen einer Straftat die Uniform oder ein Abzeichen unautorisiert getragen oder mitgeführt
wurde.
Der Autor dieses Beitrags war mehr als 25 Jahre an der Thoraxklinik in Heidelberg beschäftigt und ist eher zufällig auf die Verdienste seines 1942 ermordeten Kollegen Alfred Seitz aufmerksam geworden. Bei den Recherchen konnten einige neue Erkenntnisse gewonnen werden: Geklärt wurde der Verbleib von fünf Leichen nach den Hinrichtungen von Mitgliedern der Lechleiter-Widerstandsgruppe am 15. September 1942, die Rolle eines V-Mannes der Gestapo und nicht zuletzt die in Vergessenheit geratene überregionale Würdigung der Widerstandsgruppe. Georg Lechleiter (1885 –1942), der führende Kopf der nach ihm benannten Widerstandsgruppe, war seit 1919 für die Kommunistische Partei (KPD) in Mannheim politisch engagiert. Von 1924 bis 1933 gehörte er dem Badischen Landtag an. Lechleiter, gelernter Schriftsetzer, betätigte sich auch als Redakteur. Wegen seiner kritischen Artikel wurde er in der Weimarer Republik und später während der NS-Zeit mehrfach inhaftiert. Spätestens nach dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Juni 1941 war für Lechleiter und ihm bekannte NS-Gegner der Zeitpunkt gekommen, mittels einer konspirativen Vereinigung aktiv gegen das Regime vorzugehen. Da die Gruppe im Untergrund arbeitete, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, wer mit wem in persönlichem Kontakt stand. Als gesichert kann gelten, dass die Familie Käthe und Alfred Seitz und deren Vater Philipp Brunnemer in direktem Kontakt zu Georg Lechleiter gestanden haben.
Der nachfolgende Ausschnitt stammt aus einem Manuskript, das der in die USA emigrierte Mediziner Heinz Lichtenstein (1904 –1990) unter dem Pseudonym Martin Andermann für das 1939 initiierte wissenschaftliche Preisausschreiben der Harvard Universität "Mein Leben in Deutschland vor
und nach dem 30. Januar 1933" eingereicht hat. Dabei steht der Vorname Martin für seine Verehrung des Philosophen Martin Heidegger, bei dem er neben dem Brotstudium der Medizin mit großer Leidenschaf t Philosophie gehört hatte, und der sprechende Name Andermann verbirgt seine wahre Identität und weist gleichermaßen auf sie hin. Heinz Lichtenstein wurde 1904 in eine wohlhabende bildungsbürgerliche jüdische Familie als jüngstes von vier Geschwistern in Königsberg geboren. Sein Vater war (ein bekannter) Anwalt und Politiker, seine Mutter eine (ehemalige) Lehrerin. Kant, Schiller
und Goethe gehörten zu den philosophischliterarischen "Hausgeistern und -göttern" väterlicherseits, und durch seine Mutter wurde das Musikalische in Gestalt von Beethoven, Mozart und Schubert eingebracht.
"Wir waren jetzt schon so weit zur Höhe emporgestiegen, daß der Blick frei wurde. Da lag die Altstadt zu unseren Füßen lieblich ins Tal geschmiegt wie ein in die Wiege gebettetes Kind. Die blauen Dächer bedeckten die Häuser, wie Schwalbenflügel ihre Nester hüten [...] Alles schien hier wie mit allem einig: Das hochgewölbte Dach der Alma Mater und das kleinste Haus waren einander zugeordnet, sanft aufeinander abgestimmt durch den geschwisterlichen Kuß der Farben. Selbst der architektonisch unschöne Bau der Bibliothek störte nicht, weil er durch die Blüte seines Steins in den allgemeinen Zusammenklang einstimmte, sich ihm unterordnend wie die Einzeldinge auf den Bildern großer Meister der Vergangenheit." Aus diesem Zitat ihres Romans "Der Kranz der Engel" spricht Gertrud von le Forts Begeisterung für Heidelberg, ihr Interesse an der Architektur und der landschaftlichen
Umgebung der Stadt. Hier studierte die Dichterin von 1908 bis 1914. Diese Jahre waren prägend für ihr Leben und ihr Werk.
"Die ‚Schuld‘ Deutschlands besteht nur darin, […] daß es aufgehört hat, bloß ein Volk der Dichter und Denker zu sein […] und danach getrachtet hat, wirtschaftlich und politisch nicht etwa an Stelle anderer Mächte, sondern neben ihnen einen Platz in der Welt zu gewinnen." Der Beginn des Ersten Weltkriegs jährte sich bereits zum vierten Mal, als der Heidelberger Geografie-Professor Alfred Hettner diese Worte in seiner Wohnung in der Ziegelhäuser Landstraße Nr. 19 niederschrieb. Das Zitat aus dem Sommer 1917 erlaubt sowohl einen Blick zurück als auch nach vorne. Zurück in eine Zeit der zweifachen Expansion: die des jungen deutschen Nationalstaats um einen Platz an der Sonne in der Welt und die der Geografie an den Universitäten. Dass sich letztere dabei bereitwillig in den Dienst des imperialen Wettlaufes stellte, bringt der Slogan "Wissen ist Macht, geographisches Wissen ist Weltmacht" auf den Punkt. Blickt man ausgehend von Hettners Einschätzung zu Deutschlands "Schuld" am Krieg in die Zukunft, lässt sich
seine spätere Ablehnung des Versailler Friedensvertrages bereits vorausahnen.
Peter Friedrich de Walpergen (1730 –1809) ist vielleicht der berühmteste Heidelberger Gehörlose. Seine Aquarelle und Federzeichnungen, mit bewundernswerter Exaktheit gezeichnet, sind für die Heidelberger Topografie des 18. Jahrhunderts von unschätzbarem Wert. Zu seinen Lebzeiten wurde er vermutlich als "taubstumm" bezeichnet, der übliche Begriff im 18. und 19. Jahrhundert für die Unfähigkeit, zu hören und sich lautsprachlich auszudrücken. In der NS-Zeit wurde die Bezeichnung "gehörlos" anstelle von "taubstumm" von den Gehörlosen als wertneutral bevorzugt, da hier das Defizit ("-losigkeit") nicht im Mittelpunkt steht und der etymologische Bezug zu "dumm" wegfällt. Die Betroffenen sagen, dass Gehörlosigkeit keine Behinderung sei, sie gehe eben mit einer anderen Form von Kommunikation einher. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird das Wort "taubstumm" als diskriminierend empfunden. In diesem Text werden Begriffe wie "Taubstummenanstalten" in Anführungszeichen gesetzt, um zu verdeutlichen, dass es sich um in den Quellen benutzte Bezeichnungen und Namen handelt.
Borodin in Heidelberg
(2023)
Alexander Borodin ist bekannt für seine Kompositionen, aber auch für seinen Beitrag zur chemischen wissenschaftlichen Forschung. Weniger bekannt ist jedoch sein Aufenthalt in Heidelberg 1859–1862. Dabei ist gerade dieser von großer Bedeutung für seine weitere Biografie. Der Versuch, Hinweise zu Borodin im Universitätsarchiv, in der Universitätsbibliothek, im ehemaligen Bunsen-Labor oder im aktuellen Chemischen Institut z. B. in Bunsens oder Erlenmeyers Nachlass zu finden, blieb leider erfolglos. Sein Name findet sich auch nicht in der Matrikel der Universität Heidelberg 1386–1936, so dass auch kein Studienausweis vorliegt. Vieles über seinen Aufenthalt erfahren wir aber aus seinen Briefen: seine Einbindung in das Studentenleben und in das deutsche Berufsumfeld sowie seine Interaktion mit anderen Russen.
Seit den 1840er-Jahren verbreitete sich in Südwestdeutschland die Technologie der Erzeugung von Leuchtgas aus Steinkohle, teilweise auch aus Holz; Gaswerke entstanden 1842 in Heilbronn, 1845 in Stuttgart, 1846 in Baden-Baden und Karlsruhe, 1850 in Freiburg und 1851 in Mannheim. Die Verwendung von Gas versprach im öffentlichen Raum wie im privaten Haushalt eine deutlich bessere, d.h. hellere, geruchs- und rußfreie Beleuchtung als die bis dahin mit Raps- bzw. Rüböl oder tierischen Fetten betriebenen Leuchten und Straßenlaternen. In Heidelberg bot seit 1849 eine Fabrik für "Portativgas" in Flaschen abgefülltes Gas an, und im September 1853 nahm ein Gaswerk mit Leitungsnetz ("courantes" Gas) den Betrieb auf. Es wurde von der "Rheinischen Gasgesellschaft" aus Mannheim gebaut und betrieben; 1877 erfolgte die Übernahme durch die Stadt. Die Geschichte der Gasversorgung in Heidelberg, die bis in die Mitte der 1840erJahre zurückreicht, und die ersten Jahrzehnte ihres Betriebs sind bisher nur durch ältere Arbeiten und allenfalls in Grundzügen bekannt. Ziel des Beitrags ist es, ihre Entwicklung bis zur Kommunalisierung des Gaswerks aus den umfangreichen Akten vor allem des Heidelberger Stadtarchivs sowie aus den zeitgenössischen gedruckten Quellen zu rekonstruieren und mit der Geschichte der ‚boomenden‘ Branche in der Region zu verknüpfen. Dabei sollen vor allem die zentralen Entscheidungen und Probleme sowie Positionen, Interessen und Strategien der beteiligten Akteure – Stadtverwaltung, Kunden und Öffentlichkeit, Unternehmer und finanzierende Banken etc. – untersucht werden.
Wir begleiten durch wenige Monate des Jahres 1848 drei Kommilitonen der Universität Heidelberg. Sie ließen sich im Frühjahr 1848 vom revolutionären Gedanken begeistern. Sie waren von grundsätzlich unterschiedlicher Herkunft, hatten aber ein gemeinsames Ziel. Da alle drei in ihren späteren Jahren diese Vorgänge nie erwähnt haben, müssen wir uns mit Indizien begnügen. Aber ihre Spuren sind klar dokumentiert, und somit können wir die Geschichte nachvollziehen. Es waren dies: Adolph Hirsch war am 27. Mai 1830 in Halberstadt (Sachsen) geboren. Sein Vater, Moses Hirsch, war ein Kaufmann jüdischen Glaubens. Er hatte sich mit gerade 18 Jahren im Frühjahr 1848 in Heidelberg an der Philosophischen Fakultät immatrikuliert. Gemäß Studentenverzeichnis wohnte er beim Wirt Spengel, Gasthaus zum Roten Ochsen, in der Hauptstraße in der Heidelberger Altstadt. Friedrich August Maximilian von Klinggräff war am 29. April 1825 in Niederschlesien als sechstes Kind auf einem Familiengut geboren. Er
war ursprünglich für die militärische Laufbahn vorgesehen, beim frühen Tod seines Vaters wurde auf Veranlassung seines Vormunds ein Studium beschlossen. Das Abitur musste er sich erkämpfen, doch im Frühjahr 1845 immatrikulierte er sich an der Juristischen Fakultät und bezog beim Schuhmacher Ries Logis. Er renoncierte im ersten Semester beim Corps Vandalia Heidelberg. Alexander Jakob Valentin Carl Spengler, war am 20. März 1827 in Mannheim als zweites von elf Kindern geboren. Sein Vater war Hauptlehrer an der wallonischen Schule. Alexander wurde von seinem Vater ins Lyceum von Mannheim geschickt, was nur noch einem seiner Geschwister widerfahren durfte. Nach dem prüfungsfreien Übertritt an die Universität Heidelberg hatte er sich am 28. Oktober 1846 an der Juristischen Fakultät eingeschrieben. Am 5. Juni 1847 trat er dem Corps Suevia Heidelberg bei.
"Nicht immer wird sorgsam genug beachtet, daß die oberste Maxime aller Geschichtsschreibung die Unterhaltsamkeit ist. Voraussetzung dafür ist freilich absolute Fakten- und Quellentreue." Diesen Grundsatz formulierte Hans-Martin Mumm im Nachwort seiner 1988 erschienen Publikation zum Heidelberger Arbeiterverein von 1848/49. Während Fakten- und Quellentreue für akademisch ausgebildete Historiker*innen eine Selbstverständlichkeit sein sollte, führt das Kriterium "Unterhaltsamkeit" in der Regel nicht die Prioritätenliste beim Verfassen historischer Fachbücher an, zumindest nicht
bei deutschen Vertreter*innen der Zunft. Und nicht von ungefähr werden vor allem die Werke angelsächsischer Autor*innen häufig dafür gelobt, dass sie – im Gegensatz zu Publikationen deutscher Provenienz – ‚gut lesbar‘ oder eben ‚unterhaltsam‘ seien. Daher bemühen sich nun auch deutsche Historiker*innen verstärkt darum, diesem Kriterium gerecht zu werden.
Auf dem Heidelberger Bergfriedhof findet man eine Reihe kunsthistorisch herausragender Grabdenkmäler. Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend ist das Mausoleum für Philipp und Sophie Bartholomae. Es beeindruckt durch seine Größe. Soweit ersichtlich wurde das Mausoleum bis auf den Passus im Standardwerk zum Heidelberger Bergfriedhof von Lena Ruuskanen und einer kurzen Beschreibung zu den Heidelberger Friedhöfen aus dem Jahre 1929 kunsthistorisch nicht weiter untersucht. Der Standort des Mausoleums am Rande des Friedhofgeländes wirkt fast ein wenig deplaziert. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe der Umfassungsmauer zum Steigerweg. Zwar treffen sich an seinem Standort zwei Wege, doch wurde kein Wert darauf
gelegt, das Grab in die Sichtachse des Wegesystems einzubetten. Und so steht man als Betrachter recht unvermittelt vor dem Bauwerk.