81.2023
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Carolinea. – 81 (2023)
(2023)
Am 20. Februar 2023 erhielt Axel Hofmann (Hochstetten), langjähriges aktives Mitglied der Entomologischen Arbeitsgemeinschaft im Naturwissenschaftlichen Verein Karlsruhe, anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DGaaE) an der Freien Universität Bozen (Südtirol, Italien) die FABRICIUS-Medaille. Es ist dies die höchste Auszeichnung, welche die DGaaE für herausragende Leistungen in der entomologischen Grundlagenforschung verleiht.
Prof. Dr. Ludwig Beck †
(2023)
Am 1. Dezember 2022 verstarb der langjährige Abteilungsleiter der Zoologie (1976 – 2000) des Staatlichen Museums für Naturkunde Karlsruhe, Hauptkonservator Prof. Dr. Ludwig Beck. Ludwig Beck wurde am 9. August 1935 in Magdeburg an der Elbe als Sohn des Juristen Dr. Theodor Beck und seiner Ehefrau Irmgard Beck, geb. Rieger geboren. Zur Volksschule ging er von 1941 bis 1944 in Hagenau im Elsaß und 1945 in Mellrichstadt in Unterfranken. Anschließend stand ein weiterer Umzug der Familie nach Neustadt an der Weinstraße an, wo er von 1946 bis 1954 das Humanistische Gymnasium besuchte und mit dem Abitur abschloss. Noch im selben Jahr begann Ludwig Beck das Studium der Naturwissenschaften mit den Fächern Zoologie, Botanik, Geographie, Chemie und Physik an der Universität Tübingen, wechselte aber vom Sommersemester 1955 bis zum Wintersemester 1957/58 an die Universität Mainz und anschließend zusammen mit Prof. Dr. Friedrich Schaller an die Technische Hochschule Braunschweig, wo er bis zum Wintersemester 1960/61 auch als dessen wissenschaftliche Hilfskraft tätig war. 1962 schloss er sein Studium mit einer Dissertation ab.
In den Jahren 2020 bis 2022 erfassten die Autoren Heuschrecken in 14 Naturschutzgebieten und einer ökologisch hochwertigen Militärfläche der Stadtkreise Heidelberg und Mannheim und verglichen die Ergebnisse mit z.T. älteren Erfassungen. Dabei konnten 18 Langfühlerschrecken, 20 Kurzfühlerschrecken und eine Fangschrecke nachgewiesen werden, sie stellen rund 54 % der baden-württembergischen Arten dar. Sieben Arten sind in der aktuellen „Roten Liste der gefährdeten Heuschrecken Baden-Württembergs“ und weitere fünf in der Vorwarnliste aufgeführt (Detzel et al. 2022). Davon gilt eine Art als „vom Aussterben bedroht“, drei Arten sind „stark gefährdet“, drei Arten „gefährdet“ und fünf Arten sind landesweit merklich zurückgegangen und daher auf der „Vorwarnliste“ zu finden. Für zwei Arten, die Laubholz-Säbelschrecke (Barbitistes serricauda) und die Waldgrille (Nemobius sylvestris), ist Baden-Württemberg in besonderem Maße verantwortlich, da sich in diesem Land die Hauptvorkommen für ganz Deutschland befinden und die Bestände daher von bundesweiter Bedeutung sind. Neu in den Kreisen sind die streng geschützte Große
Schiefkopfschrecke (Ruspolia nitidula) und die besonders geschützte Gottesanbeterin (Mantis religiosa). Sie konnten in zwei bzw. drei Gebieten nachgewiesen werden. Dagegen zeigten in den letzten Jahrzehnten der gefährdete Sumpfgrashüpfer (Pseudochorthippus montanus) und der vom Aussterben bedrohte Feldgrashüpfer (Chorthippus apricarius) deutliche Arealverluste; sie gelten mittlerweile im Untersuchungsgebiet als ausgestorben.
Im Jahr 2022 wurde ein Heuschreckenmonitoring auf fünf ehemaligen Maßnahmenflächen des LIFE-Projektes „Lebendige Rheinauen bei Karlsruhe“ (LRK) durchgeführt, um den aktuellen Zustand mit den vor etwa 15 Jahren erhobenen Befunden zu vergleichen. Im Rahmen des Projekts wurden zwischen 2006 und 2008 verschiedene Grünlandstandorte entwickelt oder renaturiert, wobei unterschiedliche Entwicklungsziele festgelegt wurden. Die Erfassung der Heuschreckenfauna erfolgte zusammen mit der Vegetation von 2005 bis 2009. Durch die wiederholte Erhebung 2022 mit dem Fokus auf Heuschrecken soll der mittelfristige Erfolg der Maßnahmen analysiert werden, um Empfehlungen für das zukünftige Management abzuleiten. Als Methode wurde die semi-quantitative Erfassung mittels Streifnetz und das Verhören angewandt. Dabei wurden an mindestens zwei Erfassungstagen pro Projektfläche insgesamt 739 Individuen von 19 Arten aus sieben Unterfamilien erhoben. Insgesamt kann der Erfolg der Maßnahmen mittelfristig als positiv angesehen werden, wobei sich der aktuelle Zustand der Flächen voneinander unterscheidet. Die Zielarten konnten nur auf zwei der fünf Projektflächen vollständig und in zufriedenstellenden Abundanzen festgestellt werden, was möglicherweise auf suboptimale Pflege oder veränderte Umweltbedingungen zurückzuführen ist. Einige Arten wurden zum ersten Mal auf den Projektflächen erfasst, teilweise in beachtlichen Abundanzen. Die Projektflächen könnten durch eine Veränderung des Mahdregimes, erneute größere Eingriffe oder alternative Maßnahmen zur Schonung der Wiesenfauna langfristig aufgewertet werden.
Die klare Formulierung von Zielen und die Bewertung der Zielerreichung sind Kernelemente guten Managements, die auch für Schutzgebiete gelten. Im Jahr 2016 wurde im Zusammenhang mit der Naturschutzstrategie Baden-Württembergs ein Konzept zur Qualitätssicherung von Naturschutzgebieten (NSG) entwickelt (GÖG 2016). Das Konzept wurde zwischen 2018 und 2022 in den Kreisen Rastatt und Baden-Baden im Regierungsbezirk Karlsruhe mit Fokus auf die Offenlandarten pilotweise erprobt. Bestehende Daten der Naturschutzgebiete wurden analysiert, Gebietskonferenzen mit Experten vor Ort abgehalten und auf dieser Grundlage Schutzziele für jedes Naturschutzgebiet festgelegt und die Zielschutzgüter von Ehrenamtlichen sowie Gutachterbüros kartiert. Wichtige Indikatoren für die Qualität von Naturschutzgebieten waren der Gesamtzustand, basierend auf dem Erhaltungszustand der Zielschutzgüter, sowie der Bewertung des aktuellen Pflegezustands. Etwa 15 % der untersuchten Naturschutzgebiete wiesen einen hervorragenden Erhaltungszustand hinsichtlich der vorkommenden Arten, Biotope und Lebensraumtypen auf. Zwei Drittel der NSG zeigen eine gute Qualität und Quantität an Zielschutzgütern. Der Pflegezustand wurde in rund 77 % der NSG als gut (59 %) bis sehr gut (19 %) bewertet. Etwa 15 % der NSG weisen einen mäßigen Pflegezustand auf, wobei die Zielschutzgüter überwiegend in geringer bis schlechter Qualität vorhanden sind. In zwei untersuchten Gebieten konnten einige Zielschutzgüter nicht nachgewiesen werden und die Möglichkeiten zur Verbesserung der Pflege sind stark eingeschränkt.
Die Grabwespe Prionyx kirbii ist von der iberischen Halbinsel und Frankreich bis nach Südosteuropa verbreitet. Darüber hinaus ist sie auch im südlichen Afrika nachgewiesen. Die Grabwespe jagt Feldheuschrecken als Nahrung für ihre Brut. Im Jahr 2020 wurde sie erstmalig an mehreren Orten in Südwestdeutschland angetroffen. Nach regelmäßiger Suche in den Sandhausener Dünen-Naturschutzgebieten konnte sie im Juli 2023 auch im Gebiet Zugmantel Bandholz nachgewiesen werden.
Der Wickler Bactra suedana wurde 1989 von B. Bengtsson nach Tieren aus Schweden und Dänemark beschrieben. In mehreren Ländern wurde in den letzten Jahrzehnten die Art festgestellt. Für Deutschland liegen nun auch Nachweise der Jahre 1994 und 2022 vor: Württemberg, Schwäbische Alb (mittlere Flächenalb), Schmiechener See-Gebiet.
Wiederentdeckung von Villa occulta (Meigen & Wiedemann, 1820) in Deutschland (Diptera, Bombyliidae)
(2023)
Die Gattung Villa (Diptera: Bombylidae) ist aufgrund der schwierigen Bestimmung und dem unklaren taxonomischen Status vieler Arten in Deutschland erst wenig untersucht. Villa occulta stellt dabei eine Ausnahme dar, da die Art relativ leicht zu identifizieren ist. Zusätzlich fliegt sie in einem – für einen Wollschweber – ungewöhnlichen Habitat: in Hochmooren. In diesem Artikel werden die ersten neueren Nachweise der Art dokumentiert sowie die bisherigen Nachweise der Art in Deutschland aufgeführt. Zusätzlich werden Hinweise für eine gezielte Nachsuche gegeben.
Der alpine tagaktive Falter Psodos wehrlii Vorbrodt, 1918 („Wehrlis Gletscherspanner“) galt seit 1935 in seinem östlichen Teilareal als verschollen. Nach jahrzehntelangen vergeblichen Nachsuchen konnte die Art 2021 im Nationalpark Stilfserjoch nach 86 Jahren wiedergefunden werden. Ihre Wiederentdeckung ist insofern erstaunlich, als mit der Erderwärmung und dem Rückgang von mehr als der Hälfte der Alpengletscher seit 1850 die Befürchtung bestand, dass diese Tierart in Südtirol bereits verschwunden sein könnte. In der Arbeit wird über die Wiederentdeckung der Art berichtet, die beobachtete Begleitfauna der Schmetterlinge vorgestellt, das vermutliche Habitat von P. wehrlii in der Ortler-Gruppe beschrieben und auch die Geologie und die in über 3.200 m ü.NN vorhandene Vegetation näher betrachtet. Alle historischen und aktuellen Belege von P. wehrlii aus der Ortler-Gruppe werden in dieser Arbeit dokumentiert und der DNA-Barcode mit dem eines Falters des westlichen Teilareals verglichen.
The mites of the family Stigmaeidae of Germany have been very little explored. The present publication deals with the discovery of the species Stigmaeus solidus in Mannheim in Baden-Württemberg. Within Western Europe this species has so far only been collected once at a single site in the Netherlands. Its taxonomy and morphology are discussed.
Im Jahr 1904 machte Wilhelm Thiersch, ein junger Zahnarzt aus Basel, seine Sammlung an Vogel- und Säugetierschädeln dem Großherzoglich Badischen Naturalienkabinett in Karlsruhe zum Geschenk. Diese Sammlung ist bemerkenswert, weil Thiersch sie bereits als 13-jähriger Schüler anlegte und für vergleichend morphologische Studien nutzte: Bei fünf Schädeln verschiedener Säugetierarten markierte er die homologen Schädelknochen farbig, und beim Schädel eines jungen Hundes sind die in der Embryonalentwicklung knorpelig angelegten Ersatzknochen sowie die Deckknochen des Hirn- und des Gesichtsschädels jeweils unterschiedlich eingefärbt. In der vorliegenden Arbeit werden Daten zur Biographie von Wilhelm Thiersch und zur Geschichte seiner Sammlung präsentiert. Ein menschlicher Schädel, den sich Wilhelm Thierschs Cousin, der deutsche Archäologe Hermann Thiersch, im Jahr 1900 in Wadi Halfa (im heutigen Nord-Sudan) angeeignet hatte, war nicht Teil der Schenkung, befindet sich aber möglicherweise heute im Archiv der Universität Freiburg.
Zum Bestand der Wirbeltiersammlung des Staatlichen Museums für Naturkunde Karlsruhe (SMNK) gehören zwei mit einer dorsalen Schädellänge (DCLA) von jeweils 64,5 cm sehr große Schädel von Leistenkrokodilen (Crocodylus porosus). Vergleiche mit publizierten Messwerten außergewöhnlich großer Leistenkrokodile lassen darauf schließen, dass die vorliegenden Schädel von Tieren mit einer Körperlänge von ca. 5,6 m stammen. Aus Museums- und Privatsammlungen sind bislang nur wenige vergleichbar große oder sogar noch größere Schädel bekannt geworden. Angaben zu ihrer Herkunft und dem Datum ihres Erwerbs lagen zum Zeitpunkt ihrer Inventarisierung Ende der 1970er Jahre nicht vor, ließen sich aber durch Recherchen in historischen Katalogen und Jahresberichten des Mannheimer Vereins für Naturkunde rekonstruieren. Beide Tiere stammen aus Indonesien – möglicherweise von Java – und wurden wahrscheinlich in den 1830er bzw. 1860er Jahren erbeutet. Ein weiterer C. porosus-Schädel gehörte wahrscheinlich zu einem Tier mit einer Gesamtlänge von 3,9-4,2 m, das vermutlich ebenfalls im 19. Jahrhundert in Indonesien erworben wurde.
Osnabrück, Waco, Freising, Halle-Saale, Hamburg – das waren meine wissenschaftlichen Stationen, die mich nun nach Karlsruhe gebracht haben. Während ich in meiner frühen Laufbahn vor allem an universitären Einrichtungen geforscht und gelehrt habe, war ich immer von naturkundlichen Museen fasziniert. Sie sind einer der wenigen direkten Kontaktpunkte der meisten in Städten wohnenden Menschen zur Natur und zur biologischen und geologischen Vielfalt. Zumindest einer der wenigen bewussten. Darum war ich sehr froh, in Hamburg den beruflichen Sprung in ein Museum geschafft zu haben. Dass ich nun eines leiten darf, vor allem ein so schönes und bedeutendes wie das Karlsruher Naturkundemuseum, hätte ich mir selbst nie träumen lassen. Dieses besondere Privileg geht vor allem heutzutage auch mit einer besonderen Verantwortung einher.