169.2021
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Bernard Vogler
(2022)
Bernard Vogler wird am 30. April 1935 in Obermodern geboren. Sein Vater ist Schreiner und Landwirt. Nachdem er das Gymnasium in Bouxwiller im Hanauerland absolviert hatte, entscheidet er sich für eine Ausbildung zum Grundschullehrer. Er besteht die Aufnahmeprüfung für das Lehrerseminar in Lyon. Nach Abschluss dieser Ausbildung beginnt er einen Studiengang an der Universität in Lyon. 1960 besteht er erfolgreich die Agrégation im Fach Geschichte. Zurück im Elsass unterrichtet er zuerst kurz am Lycée Bartholdi in Colmar und danach am Lycée Kléber in Straßburg. Er ist von 1965 bis 1969 Forschungsbeauftragter am Nationalen Forschungsinstitut CNRS und promoviert gleichzeitig mit einer Arbeit zu "La politique scolaire dans le Duché de deux-ponts de 1555 à 1618" ("Die Schulpolitik im Herzogtum Zweibrücken von 1555 bis 1618"). Vogler erhält seine Habilitation an der Pariser Universität La Sorbonne mit einer Arbeit, die den Titel "L’implantation des églises protestantes dans les pays palatins de 1556 à 1619" ("Die Einrichtung protestantischer Kirchen in den Pfälzischen Länder zwischen 1556 und 1619") trägt.
Klaus-Jürgen Matz
(2022)
Mit Klaus-Jürgen Matz verstarb am 4. November 2020 in Karlsruhe unerwartet und plötzlich einer der bedeutendsten Vertreter der jüngeren südwestdeutschen Landesgeschichte und Landeszeitgeschichte. Mit der Dissertation "Pauperismus und Bevölkerung. Die gesetzlichen Ehebeschränkungen in den süddeutschen Staaten während des 19. Jahrhunderts" (Stuttgart 1980) setzte er sozialgeschichtliche Maßstäbe. Die Habilitationsschrift über den liberalen Politiker und ersten baden-württembergischen Ministerpräsidenten, "Reinhold Maier (1889–1971). Eine politische Biographie" (Düsseldorf 1989) war eine quellengesättigte Pionierarbeit. Sie erschien zu einem Zeitpunkt, als diese jüngste Phase der Landesgeschichte, auch der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, noch kaum in den Fokus der Forschung gerückt war. Sie schuf eine wichtige Grundlage für die politische Geschichte und Vorgeschichte Baden-Württembergs. Bis zuletzt wirkte er als Mitherausgeber und Autor kundiger Einleitungen zu den Protokollen verschiedener südwestdeutscher Landesregierungen aktiv an der Arbeit der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg mit, zunächst als deren Ordentliches Mitglied seit 1994 sowie von 2002 bis 2017 als deren Vorstandsmitglied.
Konstanz am Bodensee, August 1970 – das letzte Sommerwochenende. Der Sonntag ist von den Glocken des nahen Münsters bereits eingeläutet, es ist bewölkt und leicht regnerisch. An jenem Samstag, es war der 29. August 1970, wird gegen 19:30 Uhr auf dem in der Altstadt gelegenen Blätzleplatz, dem seit 1968 nach einem neuaufgestellten Narrenbrunnen bezeichneten westlichen Teil des Augustinerplatzes, der Lehrling Martin Katschker mittels eines Kleintierschussapparats (eines sogenannten "Hasentöters") von einem einheimischen Hilfsarbeiter nahe des Kaufhauses "Hertie" getötet. Sehr schnell ist vom Konstanzer "Gammlermord" die Rede – auch in der überregionalen und der Schweizer Presse. Selbst ein großes Nachrichtenmagazin aus Hamburg berichtet ausführlich. Damals fand sich Konstanz wegen dieser Tat unversehens in den bundesrepublikanischen Schlagzeilen wieder. Anlass genug, sich über ein halbes Jahrhundert danach erstmals unter Heranziehung aller mittlerweile verfügbaren Quellen einen zeithistorisch gesicherten und quellenmäßig fundierten Überblick über die bis heute memorierte und bisweilen auch mythologisierte Tat und ihre Wirkungsgeschichte zu verschaffen. Zugleich sollen deren unmittelbare (oder auch mittelbare) Ursachen analysiert werden. Handelte es sich beim Konstanzer "Gammlermord" um ein frühes, wenn nicht gar um das erste rechtsextremistische Tötungsdelikt in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland?
Vom Waldhof nach Warschau
(2022)
Auschwitz, Treblinka, das Warschauer Ghetto – diese Schreckensorte der nationalsozialistischen Herrschaft in Polen prägte der auf dem Waldhof geborene SS- und Polizeioffizier Arpad Wigand. Zu den prominenten Mannheimer NS-Tätern gehört er dennoch nicht, und auch in der einschlägigen Literatur findet er kaum Erwähnung. Der Beitrag beleuchtet die bemerkenswerte Karriere Wigands in der NS-Zeit und verortet sie im Kontext der neueren Täterforschung, die seit den 2000ern die Perspektiven auf die nationalsozialistischen Verbrechen erweiterte. Thematisiert wird ebenfalls Wigands Lebensweg nach 1945. Für seine Taten musste er sich vor einem polnischen und schließlich auch vor einem bundesdeutschen Gericht verantworten. Wigands Biografie bietet damit die Möglichkeit für eine transnationale Betrachtung der strafrechtlichen Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus polnischer Haft Mitte der 1950er kehrte er in seine Geburtsstadt zurück, wo er eine Anstellung in der Stadtverwaltung fand. Dieser Abschnitt seines Lebens zeigt exemplarisch, wie selbst schwer belastete NS-Täter in die westdeutsche Wiederaufbaugesellschaft integriert wurden, aber auch die Grenzen der Integration. Mit seiner Vergangenheit blieb Wigand in der Bundesrepublik konfrontiert. Bereits vor der Anklageerhebung der Staatsanwaltschaft beim Landgericht (LG) Hamburg sagte er in zahlreichen Ermittlungsverfahren zu nationalsozialistischen Gewaltverbrechen aus.
Zu den bekanntesten mittelalterlichen Handschriften im Besitz der Badischen Landesbibliothek (BLB) zählt das Stundenbuch des Markgrafen Christoph I. von Baden. Wie und warum hat diese kostbare Pergamenthandschrift, die Ende des 15. Jahrhunderts vermutlich in Paris entstanden ist und heute als ältestes Zeugnis einstigen markgräflichen Buchbesitzes gilt (Codex Durlach 1), den Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs überstanden? Rund 367.000 andere Bücher, die am Vorabend des Kriegsausbruches in den Regalen der Badischen Landesbibliothek im ehemals Großherzoglichen Sammlungsgebäude am Friedrichsplatz standen, hatten dieses Glück nicht. Warum welche Bücher den Krieg überdauert haben, soll im Folgenden anhand der verschiedenen Bergungsaktionen vor und während des Krieges beschrieben werden, wobei auch der praktischen Seite der Maßnahmen Aufmerksamkeit zukommen soll. Es wird erkennbar, dass die Bergung von Büchern bzw. Kulturgütern aller Art kein einmaliger, sinnvoller Weise vor Kriegsausbruch vorzunehmender Vorgang war, sondern dass bis in die letzten Kriegsmonate immer neue Bergungsmaßnahmen durchgeführt werden mussten und dass manche Bestände eine zweite Verlagerung erlebten, bevor sie in den Nachkriegsjahren abermals auf Reise gehen mussten.
Der Beitrag ist im Zusammenhang eines deutsch-israelischen Forschungsprojekts über jüdische landwirtschaftliche und gärtnerische Ausbildungsstätten in Deutschland und deren Einfluss auf die Landschafts- und Gartenkultur in Palästina/Israel entstanden. Beteiligt waren das Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) der Leibniz Universität Hannover und die Faculty of Architecture and Town Planning des Technion Haifa. Im Mittelpunkt standen jene Ausbildungsstätten, die der Vorbereitung (Hachschara = "Tauglichmachung") auf die Auswanderung nach Palästina/Israel (Alija = "Aufstieg") dienten. Besondere Aufmerksamkeit galt jenen Lehrgütern, Landwerken und Lagern, die bisher wenig oder gar keine Beachtung gefunden haben. Selbst für die in dieser Hinsicht vergleichsweise gut erschlossene Provinz Brandenburg, die die größte Anzahl solcher Ausbildungsstätten aufwies, zeigen sich Forschungsdefizite. Sie zu beheben ist schon deshalb erforderlich, weil Umfang und Reichweite der Ausbildung wesentliche Faktoren für den Umfang der Auswanderung aus diesen Ausbildungsstätten sowie für die Beteiligung der Emigranten an der Entwicklung der Landschafts- und Gartenkultur in Palästina/Israel darstellen.
"Missionsgeschichte boomt". Was Generationen lang eine Angelegenheit unmittelbar Beteiligter gewesen ist und was im Verlaufe der 1970er Jahre strukturell kritisch gesehen wurde, indem vor allem auf die Zusammenhänge von Mission und Kolonialismus, Imperialismus und deutschem Nationalismus rekurriert wurde, erlebt seit etwa zwei Jahrzehnten eine beachtenswerte Blüte. In der Missionsgeschichte werden innovative Perspektiven, Methoden und Formate auf ihre Tauglichkeit überprüft, so dass sich ein spannendes Forschungsfeld öffnet, gerade auch für jüngere Forscher:innen, die "weitreichende Fragen der Global-, Kolonial-, Kultur-, Wissens-, Religions- und Mentalitätsgeschichte zu beantworten" suchen. Dabei wirken neben Historiker:innen auch Vertreter:innen anderer Fächer wie der Anthropologie, der Linguistik oder Soziologie mit. Ein unterdes probates Instrument bildet die "Verflechtungsgeschichte".
Der mit Bedacht gewählte Titel dieses Beitrags, "Kirche im Werden", könnte den Eindruck erwecken, als sollte und wollte hier nur ein weiteres Mal die Vorgeschichte der badischen Landeskirche als einer aus lutherischen und reformierten Gemeinden gebildeten deutschen Unionskirche vorgetragen werden. Darum geht es natürlich auch, wie ja jede Generation ihr Unionsjubiläum ganz spezifisch betrachtet und gefeiert hat. Der jeweilig neue und andere historische Blick auf "die Union" spiegelt aber genau das wider, was ich als doppelte Hauptlinie ansehe. Die Kirchenvereinigung von 1821 war 1. nicht nur Zielpunkt einer längeren Entwicklung, sondern 2. Ausgangspunkt einer Entwicklung des badischen Protestantismus. Diese Linien sind im Weiteren zu verfolgen. Die rein historische und detaillierte Darstellung liegt dagegen außerhalb der Betrachtung.
Hoher Besuch
(2022)
Chulalongkorn, König von Siam 1868–1910, der fünfte Herrscher der Chakri-Dynastie, aus zeremoniellen Gründen auch Rama V. genannt (Abb. 1), kommt im europäischen Geschichtsbild nicht vor. In Thailand dagegen, wie Siam seit 1939 heißt, gilt er als einer von fünf Königen, die den Beinamen "der Große" verdienen, und wird – mit Ausnahme der 1930er Jahre – bis heute innig verehrt. Gerät das Land in Turbulenzen, erinnert man sich an Rama V. und seine kluge Regierung. Das aber hat viel mit Europa, etwas mit dem Deutschen Kaiserreich und ein klein wenig mit Heidelberg zu tun.