300 Sozialwissenschaften
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Die Verwaltungsgeschichte ist kein Schwerpunkt der deutschen historischen Forschung. Die bahnbrechenden Anfänge der "Acta borussica" (1892 ff.) haben sich in Ideengeschichte aufgelöst. Der organisationssoziologische Ansatz eines Max Webers wurde auf historischer Seite nicht kritisch weiterentwickelt. Organisationsgeschichtliche Studien stehen unverbunden neben sozialgeschichtlichen Untersuchungen. Staatsaufgaben und Staatstätigkeit werden aus normativen Texten deduziert. In dieser Forschungssituation spiegelt sich eine theoretische Abhängigkeit von Nachbardisziplinen und ihren Methoden: Für den Juristen ist die gesetzliche Norm maßgebend. Ihre Verwirklichung steht allenfalls unter dem Vorbehalt eines Vollzugsdefizits. Auch in der Sicht des Marxismus hat der Staat keinen Eigenwert: Er galt als Agent der herrschenden Klasse. Die politischen Entscheidungen fielen im Klassenkampf. Dem Staat kam eine rein exekutive Funktion zu. Die Sozialgeschichte betrachtete den Staatsdienst als gesellschaftliche Gruppe, die nach den Kriterien der gesamtgesellschaftlichen sozialen Schichtung analysiert wird. Ihre Funktion, nämlich der öffentliche Dienst, dem diese Gruppe ihre Entstehung verdankte, ging bei dieser Betrachtung verloren. Die historische Forschung hat das politisch-administrative System nicht als Einheit betrachtet, sondern allein den politischen Entscheidungsprozeß untersucht. Die Umsetzung und Durchsetzung dieser Entscheidungen wurden zur Quantité négligeable. Dabei hat die Verwaltungspraxis schon immer gewußt und die Verwaltungswissenschaft theoretisch entwickelt, daß die Implementation politischer Entscheidungen über den Umfang ihrer Verwirklichung
entscheidet und daß ferner der Gesetzesvollzug nur in wenigen Fällen exekutiv, sondern zumeist ein Kompromiß ist, der in einem klientelbezogenen Entscheidungsprozeß durchgesetzt werden muß. Eine entsprechend differenzierte Analyse der Rolle des Staates und seiner Verwaltung im historischen Prozeß steht noch aus.
Der Titel dieses Aufsatzes fordert zum Widerspruch auf. Man denkt sogleich an JOSEPH VICTOR VON SCHEFFEL, den Donaueschinger Hofbibliothekar der Jahre 1857 bis 1859, der mit seinen Gedichten "Biedermanns Abendgemütlichkeit" und "Bummelmeiers Klage" zum Geburtshelfer des Begriffs Biedermeier wurde. Je länger er in Donaueschingen lebte, umso spöttischer wurden die Töne, die er für die Stadt und ihre Bürger übrig hatte. Er fühlte sich von den Beamten der fürstlichen Verwaltung eingeengt, bei der ungewohnten Arbeit als Bibliothekar mit Regeln und Kontrollen
malträtiert. Im Ort selbst, so urteilte er, nähme die Kleinstädterei "kolossale Dimensionen" an. Damit meinte er die unsäglich vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen, Höflichkeitsbesuche, ständiges Händeschütteln und Grüßen, aber auch Klatsch und Tratsch.
Erfra(e)ulich
(2010)
»Ohne Frauen geht es nicht. Das hat sogar die Geschichtsschreibung erkannt!« So könnte man das Interesse der Geschichtsforschung am Thema Frauen in freier Anlehnung an das Zitat der italienischen Schauspielerin Eleonora Duse (1858–1924) erklären. Doch wer sich auf den Weg begibt, die örtliche Geschichte der Frauen zu erforschen, der merkt alsbald, dass dies ein mühsames Unterfangen ist. Es gibt keine Akten zu »den Frauen« und auch die jüngeren Geschichtsbücher schweigen sich bis auf wenige Zeilen zu diesem Thema aus. Gab es denn nichts Berichtenswertes? Nachfolgend soll versucht werden, Spuren von Frauen in der Stadtgeschichte Radolfzells aufzudecken, wohl wissend, dass dies nur der Anfang sein kann, es in vielem
unvollständig ist. Es sind Schlaglichter, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Vielleicht kann der Beitrag ermutigen, neue Spuren zu suchen und bestehende zu verfolgen.
Aus ganz verschiedenen Gründen haben sich zwischen 1785 und 1800 mehrere französischsprachige Emigrantengruppen in der damals zu Vorderösterreich gehörenden Bodenseestadt Konstanz niedergelassen und haben, ungeachtet ihrer meist nur befristeten Aufenthaltsdauer, das städtische Leben durch ihre Anwesenheit mitgestaltet und dessen wirtschaftlichen Grundlagen und die daraus erwachsenden Entwicklungsperspektiven verändert. In besonderem Maße gilt diese Feststellung für die bürgerlichen Industriellen aus der französischsprachigen Schweiz, die ab 1785 nach Konstanz übersiedelten und hier ihre Fabriken einrichteten und betrieben. Auf ihre weit über das 18. Jahrhundert hinausreichende Bedeutung verwies Barbara Waibel in ihrer Studie über Ferdinand Graf von Zeppelin, in der sie die Familie Macaire, aus der die Mutter des Grafen stammt, auf die folgende Weise charakterisierte: »Die Macaires nämlich waren bürgerliche Industrielle, die aus Genf stammten und sich Ende des 18. Jahrhunderts in Konstanz niedergelassen hatten, wo sie fortan ganz wesentlich die Modernisierung der Stadt betrieben. Sie gründeten eine Baumwollfabrik im ehemaligen Dominikanerkloster, besaßen eine hauseigene Bank, betrieben die Etablierung der Dampfschifffahrt auf dem Bodensee und beteiligten sich an rentablen
Unternehmen in der Region.«
Ausländische Arbeitskräfte – Männer, Frauen, Kinder – sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Hegau zu finden. Die ersten Unternehmen, allen voran die Baumwoll- Spinn- und Weberei (BSW) in Arlen, beschäftigten schon bald nach der Gründung ihrer Fabriken »ausländische« Arbeitskräfte. Im Ortsbereisungsprotokoll von 1854 werden etwa 300 Familien aus der Schweiz, aus Württemberg und Baden gezählt, die sich auf Arlen, Rielasingen und Worblingen verteilen, und anlässlich der Ortsbereisung von 1860 werden »ledige fremde Fabrikarbeiterinnen« erwähnt. Als »fremd« oder »ausländisch« werden alle Personen bezeichnet, die nicht die Staatsangehörigkeit des Großherzogtums Baden besitzen, wie Arbeitskräfte aus Württemberg, Bayern, Preußen, der Schweiz, Österreich oder Böhmen.
Es mag zunächst verwundern, der Kurfürstin Elisabeth Augusta von der Pfalz (1721–1794) eine nennenswerte Bedeutung für die Geschichte des Mannheimer und Schwetzinger Schauspiels beizumessen. Sowohl die "Comédie française", die zwischen 1729 und 1771 die kurpfälzische Hofgesellschaft mit Komödien und Tragödien unterhielt, als auch das 1777 begründete Mannheimer Nationaltheater waren von Kurfürst Carl Theodor finanzierte Institutionen. Der vielfältig in Anspruch genommene Kurfürst hinterließ jedoch gerade in der Kulturpolitik Vakuen, die seine Gemahlin im Rahmen ihrer Möglichkeiten auszufüllen wusste. Diese Einflussnahme der Kurfürstin Elisabeth Augusta soll im Folgenden offengelegt werden. Dabei müssen in Ermangelung einer systematischen Dokumentation des Schauspiels vor allem die Beobachtungen eines auswärtigen berücksichtigt werden: die in Dresden archivierten Berichte des Grafen Andreas von Riaucour (1722–1794), der als kursächsischer Gesandter von 1748 bis zur Übersiedlung des kurpfälzischen Hofes nach München im Jahr 1778 in Mannheim lebte. Die schwierige Quellenlage spiegelt sich auf der Ebene der verfügbaren Literatur wider: Die wenigen Biographien der Kurfürstin können das Thema nur am Rande berühren, die kleine Zahl wegweisender Studien zur "Comédie française" berücksichtigt Elisabeth Augusta hingegen kaum, wohingegen nur wenige Werke der Vielzahl an Forschungen zum Nationaltheater sie überhaupt erwähnen. Das Ziel des vorliegenden Artikels ist daher, räumlich getrennte Quellen sowie Literatur zu einem einheitlichen Bild zusammenzufügen, wobei zusätzlich Erkenntnisse der Mannheimer Hofoper (1742–1778) zu Rate gezogen werden können, die im 18. Jahrhundert noch eng mit dem Schauspiel zusammenhing.
Alltag im Leprosenhaus
(2022)
Im Mittelalter war der Aussatz, mit der Pest, wohl die am meisten gefürchtete Krankheit. Die Angst vor ihm prägte sich bis in die Moderne in der Vorstellungswelt der Menschen ein, obwohl er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Elsass verschwunden war. Noch heute erkrankt in Afrika, Brasilien, Indien oder Indonesien jede zweite Minute ein Mensch an Lepra. Allerdings lässt sich diese Krankheit heutzutage durch das Zusammenwirken mehrerer Antibiotika kurieren. Im Mittelalter dagegen galt der Aussatz als unheilbar. Doch seit dem 13. Jahrhundert schufen die Städte spezialisierte Anstalten, um die Aussätzigen aufzunehmen.
Obgleich die publizistische Auseinandersetzung mit agrarischen Konflikten zwischen Untertanen und ihrer Herrschaft nicht viel jünger als ihr Gegenstand selbst ist, eine latente Aufstandsfurcht der Obrigkeit schon früh das Bedürfnis nach der Entwicklung von "Strategien zur Vermeidung oder Pazifizierung von Revolten"geweckt hat, stellte Peter Bierbrauer im Jahre 1980 für die Forschung in der Bundesrepublik Deutschland fest, daß eine "systematische, an grundsätzlichen Fragestellungen orientierte Auseinandersetzung mit den Aufständen zwischen 1525 und dem Ende des Alten Reiches [...], einmal abgesehen von einigen ersten Annäherungsversuchen in der neueren Forschung, bis heute nicht erfolgt" ist. Dies dürfte vor allem auf die nachhaltige Wirkung der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zurückzuführen sein, die dem Bauern als von "unten wirkende
Kraft [...] keinen Platz" zugestanden und den Bauernkrieg als Naturereignis, als Einbruch von Natur in Geschichte, charakterisiert hatte. Das Ausbleiben großer Bauernaufstände im Alten Reich des 17. und 18. Jahrhunderts schien die seit den dreißiger Jahren von Günther Franz vertretene These von der politischen Bedeutungslosigkeit des deutschen Bauern nach der Niederlage von 1525 zu stützen. Der nur wenige Jahre zuvor erschienene Aufsatz von Otto Schiff, in dem dieser festgestellt hatte, "daß der deutsche Bauer [...] sich nach 1525 keineswegs mit den herrschenden Zuständen abgefunden hat", blieb hingegen ohne Resonanz.
Im Zuge der Aussöhnung zwischen den europäischen Völkern nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs gab es seit Beginn der 1950er Jahre auch im Mannheimer Rathaus Bestrebungen, die kommunale Zusammenarbeit auf europäischer Ebene auszubauen. Allerdings gestaltete sich die Kontaktaufnahme mit ausländischen Städten damals unterschiedlich. Schnell und ohne Vorbehalte lief überraschend der Gedankenaustausch mit niederländischen Gemeinden an, was vor allem auf gemeinsame wirtschaftliche Interessen des Binnenhafens Mannheim und der holländischen Seehäfen zurückzuführen war. Nur fünf Jahre nach Ende des Krieges nahm der Mannheimer Oberbürgermeister Hermann Heimerich im Sommer 1950 zusammen mit einer Reihe weiterer Repräsentanten wichtiger deutscher Hafenstädte auf Einladung der Rotterdamer Stadtverwaltung am dortigen "Internationalen Hafentag" teil. Nach der Begrüßung bedanke sich Hermann Heimerich nach anfänglichem Zögern im Namen der deutschen Vertreter für den freundlichen, von Ressentiments freien Empfang in der vom Krieg schwer gezeichneten Stadt. In einem Zeitungsartikel bekannte er später, dass nach seiner Ansprache "das Eis (...) gebrochen war, das zwischen Deutschland und Rotterdam bisher noch in einem gewissen Umfang bestanden" hatte.
Größe und Gliederung der Bevölkerung beeinflussen geschichtliche Entwicklungen; das zeigen auch Erörterungen zum demographischen Wandel in unserem Land, die derzeit an der Tagesordnung sind. Obwohl in der Vergangenheit die Zahlen der Bauern und Handwerker, der Krieger, Künstler und Steuerzahler ganz wesentlich das 'Gewicht' von Machthabern bestimmten, hat erst der moderne Staat im Laufe der Neuzeit statistische Erhebungen durchführen lassen, die immer weitere Bereiche des Lebens erfaßten: Einzelne Gruppen der Bevölkerung, Zahl und Geschlechterproportion der Neugeborenen, Häufigkeit der Ehen und Alter der Heiratenden, Zahl der Kinder pro Ehe, Ab- bzw. Zuwanderung, Sterbealter und Todesursachen, nicht zuletzt die Lebenserwartung. Diese blieb bis ins 19. Jahrhundert aus vielen Gründen recht niedrig; genannt seien hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit, Infektions- und Herdkrankheiten, Mängel in der Ernährung und unzulängliche hygienische Verhältnisse.