360 Soziale Probleme und Sozialdienste; Verbände
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Der "Kartoffelkrieg"
(2001)
"Manche, die damals nach 1945; M. S.] von Südbaden nach Südwürttemberg herüberkamen, [...] waren immer wieder erstaunt darüber, daß der Druck der französischen Besatzungsmacht auf Baden nach ihrer Auffassung in viel stärkerem Umfange lastete, als auf dem südlichen Württemberg. Man hat sich damals immer wieder gefragt, worin denn die Ursache dieses unterschiedlichen Druckes lag. Waren doch beide Landesgebiete in ein und derselben Zone, die zentral vom französischen Hauptquartier in Baden-Baden verwaltet und zum Teil regiert wurde. Gewiß konnte auch die Tübinger Regierung sich in der Milderung der Leiden und Lasten der Bevölkerung häufig nicht durchsetzen. Aber sie schien nachdrücklicher und entschlossener aufzutreten, als man es in Baden vermochte".
Die Anfänge einer staatlichen Fürsorge in Baden für Taubstumme und Blinde sind mit dem Namen des Konstanzer Generalvikars und Bistumsverwesers Ignaz Heinrich von Wessenberg verknüpft. Im Februar 1820 forderte er über die Dekanate alle Pfarreien in Baden auf, ihm für die Planung einer Taubstummenanstalt alle Taubstummen, diese "bedauernswürdigste Menschenklasse", mit zusätzlichen Angaben über Alter, Bildung, Beschäftigung, finanzielle Verhältnisse und Beruf des Vaters zu melden. Ein Teil der Antworten aus dem südlichen Landesteil hat sich erhalten. Am 31. Juli 1820 reichte er in der 1. Kammer der badischen Ständeversammlung eine Motion für die Gründung einer Taubstummenanstalt ein, die er in der Sitzung vom 2. August begründete.
Staat und Irrenfürsorge
(1998)
Psychiatriegeschichtliche Themen finden in der deutschen historischen Forschung seit der allgemeinen Hinwendung zur Sozialgeschichte in den 1970er Jahren verstärktes Interesse. Angeregt durch Michel Foucaults Studie über die Geschichte des Wahnsinns sowie durch das Standardwerk "Bürger und Irre" des Psychologen Klaus Dörner wird in Abgrenzung von der traditionellen Medizingeschichte eine sozialgeschichtliche Beschäftigung mit dem Verhältnis von Geschichte und Krankheit im allgemeinen sowie mit der Psychiatriegeschichte im besonderen gefordert. Doch trotz einiger Fortschritte weist die historische Psychiatrieforschung in Deutschland noch erhebliche Lücken auf. Zum einen gibt es, wie die Historikerin Doris Kaufmann in ihrer Habilitationsschrift über die "Erfindung der Psychiatrie in Deutschland" jüngst ausführte, nur wenige Untersuchungen zu der frühen Entwicklungsphase der Psychiatrie.
Zum forschungsleitenden Konzept, ja zum Paradigma für die Untersuchung des Armenwesens und der Armenpolitik im 18. Jahrhundert hat sich der Begriff der Disziplinierung entwickelt. 'Disziplin' als "die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden", war bereits von Max Weber als wichtige Begleiterscheinung des neuzeitlichen, für die abendländische Entwicklung so zentralen Rationalisierungsprozesses hervorgehoben worden. Die Arbeiten Gerhard Oestreichs und Michel Foucaults haben diese Überlegung aufgenommen und weiterentwickelt, und vor allem der von Gerhard Oestreich geprägte Begriff der 'Sozialdisziplinierung' hat bei Historikern große Resonanz gefunden.
Große Stadtbrände gab es zu allen Zeiten: Rom 64, Bremen 1041, München 1327, London 1666, Göppingen 1782, Tuttlingen 1803, Balingen 1809, Fürstenberg 1841, Donaueschingen 1908, Engen 1911. Die Liste der verheerenden Großbrände in Städten ist lang und könnte beliebig verlängert werden. Menschliche Ansiedlungen liefen zu allen Zeiten Gefahr, von größeren oder kleineren Bränden vernichtet zu werden. Die alten Städte waren immer eng gebaut, waren eingeschnürt durch die Stadtmauern, deren Schutz man brauchte. Und sie waren vollgestopft mit allerhand Brennbarem: Holz und Reisig, Heu und Stroh, Textilien und Vorräten – ein Feuer verzehrt fast alles.
"Radolfzell in Flammen"
(2012)
Der Brand in der Konstanzer Altstadt im Dezember 2010 machte in erschreckender Weise wieder bewusst, welche zerstörerische Wirkung ein Feuer in einer dicht bebauten Altstadt haben kann. Über Brände im mittelalterlichen Radolfzell ist archivalisch nichts überliefert, und dennoch hat es sie gegeben. Bei Bauarbeiten in der Poststraße wurden dicke Brandschichten im Straßenprofil entdeckt und auch bei der Sanierung 1986 am Spitalgebäude Brandspuren über mehrere Geschosse hinweg vom Verfasser dokumentiert, die nach einem Großbrand (1541?) wohl zum Bau des Hauptgebäudes des heutigen Heilig Geist Spitals führten.
Konstanz am Bodensee, August 1970 – das letzte Sommerwochenende. Der Sonntag ist von den Glocken des nahen Münsters bereits eingeläutet, es ist bewölkt und leicht regnerisch. An jenem Samstag, es war der 29. August 1970, wird gegen 19:30 Uhr auf dem in der Altstadt gelegenen Blätzleplatz, dem seit 1968 nach einem neuaufgestellten Narrenbrunnen bezeichneten westlichen Teil des Augustinerplatzes, der Lehrling Martin Katschker mittels eines Kleintierschussapparats (eines sogenannten "Hasentöters") von einem einheimischen Hilfsarbeiter nahe des Kaufhauses "Hertie" getötet. Sehr schnell ist vom Konstanzer "Gammlermord" die Rede – auch in der überregionalen und der Schweizer Presse. Selbst ein großes Nachrichtenmagazin aus Hamburg berichtet ausführlich. Damals fand sich Konstanz wegen dieser Tat unversehens in den bundesrepublikanischen Schlagzeilen wieder. Anlass genug, sich über ein halbes Jahrhundert danach erstmals unter Heranziehung aller mittlerweile verfügbaren Quellen einen zeithistorisch gesicherten und quellenmäßig fundierten Überblick über die bis heute memorierte und bisweilen auch mythologisierte Tat und ihre Wirkungsgeschichte zu verschaffen. Zugleich sollen deren unmittelbare (oder auch mittelbare) Ursachen analysiert werden. Handelte es sich beim Konstanzer "Gammlermord" um ein frühes, wenn nicht gar um das erste rechtsextremistische Tötungsdelikt in der noch jungen Bundesrepublik Deutschland?
Kurz vor Ostern 1569, in den Morgenstunden des 8. April, brach nachts im Heidelberger Schloss ein Feuer aus. Wie der pfälzische Kurfürst Friedrich III. (1515–1576) seinem Schwiegersohn, dem ernestinischen Herzog Johann Wilhelm von Sachsen (1530–1573), in einem Brief vom 18. Mai 1569 berichtet, hatte er am Gründonnerstag Silber schmelzen lassen, und zwar an einem Ort "nahent bei meinem gemach", wo schon früher Schmiedearbeiten stattgefunden hatten. Der Schaden habe sich, Gott sei Dank, in Grenzen gehalten.
Alltag im Leprosenhaus
(2022)
Im Mittelalter war der Aussatz, mit der Pest, wohl die am meisten gefürchtete Krankheit. Die Angst vor ihm prägte sich bis in die Moderne in der Vorstellungswelt der Menschen ein, obwohl er seit dem Ende des 17. Jahrhunderts aus dem Elsass verschwunden war. Noch heute erkrankt in Afrika, Brasilien, Indien oder Indonesien jede zweite Minute ein Mensch an Lepra. Allerdings lässt sich diese Krankheit heutzutage durch das Zusammenwirken mehrerer Antibiotika kurieren. Im Mittelalter dagegen galt der Aussatz als unheilbar. Doch seit dem 13. Jahrhundert schufen die Städte spezialisierte Anstalten, um die Aussätzigen aufzunehmen.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts bildete sich eine Tradition weiblicher Wohltätigkeit heraus, die sich in einer nahezu unüberschaubaren Vielfalt von Vereinen manifestierte. Ausgelöst durch "nationale" Bedrohungen wie die Befreiungskriege oder durch lokale Notstände, formierten sich Frauenvereine als Instrumente kollektiver Krisenbewältigung. In dieser Tradition steht auch der Badische Frauenverein, den Großherzogin Luise von Baden 1859 aus Anlaß des "italienischen Krieges" ins Leben rief. Der Verein veranstaltete landesweit Sammlungen von Geld, Kleidung und Verbandmaterial zur Unterstützung der Truppen des österreichischen "Brudervolks". Nach dem raschen Kriegsende faßte die Vereinsleitung den für die weitere Entwicklung zentralen Beschluß, den Landesverein mit seinen Unterorganisationen fortbestehen zu lassen und seine Tätigkeit im Frieden auszudehnen auf die "Linderung von Notständen" und die Ausbildung von Krankenpflegerinnen. In den folgenden Jahrzehnten weitete der Badische Frauenverein seine Organisation systematisch innerhalb des Großherzogtums aus und verbreiterte fortlaufend das Spektrum seiner Arbeitsgebiete. Vor dem Ersten Weltkrieg zählte der Verein rund 90.000 Mitglieder in 447 Zweigvereinen. Er war als interkonfessionelle, überparteiliche und gemeinnützige Frauenorganisation konzipiert, die offen sein sollte für Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft. Zu seinen Arbeitsfeldern gehörten nach der Jahrhundertwende die Fürsorge für Arme, Wöchnerinnen und Säuglinge, für Kinder, schulentlassene Mädchen und Arbeiterinnen sowie Krankenpflege und Tuberkulosebekämpfung. Durch die Zugehörigkeit zum Roten Kreuz war der Verein zur Unterstützung des militärischen
Sanitätsdienstes im Kriegsfall verpflichtet. In zahlreichen vereinseigenen Anstalten (sogenannten Frauenarbeits-und Haushaltungsschulen) und Kursen wurden Mädchen und Frauen für den eigenen Haushalt oder für die Erwerbsarbeit ausgebildet. Der Badische Frauenverein wurde zum "Lebenswerk" der Großherzogin, "das alle Gebiete sozialer Tätigkeit von Frauen für die Frau umspannt". Letztlich sollten die Aktivitäten des Vereins jedoch "jedem einzelnen Ihrer [sc. der Großherzogin] Kinder", d.h. auch den Männern, zugute kommen.