780 Musik
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Die hier behandelten badischen Sängerfeste stellen den zweiten Teil der Untersuchung der - so meine These - badischen 'Festinfrastruktur' 1800-1850 dar: Die vergleichende Festgeschichte der badischen Bürgermilitäreinheiten, Schützen-, Sänger- und Turnvereine. Die Einleitung, Festgeschichte der anderen Assoziationsarten und das Ergebnis der Gesamtuntersuchung findet sich im ersten Teil (ZGO 149, 2001, S. 229-262).
Das Wort Concertino ist heute geradezu ubiquitär. Fast jede Stadt beherbergt ein Ensemble, meistens ein Kammer- oder Jugendorchester, dieses Namens, Musikschulen tragen diesen Titel. Concertino heißen ein bayerischer Jugendmusikwettbewerb, Klaviermodelle der Firmen Steingraeber und Grotrian-Steinweg, eine Rundfunksendung, diverse Hotels und sogar eine einstige Porzellan-Kollektion. Dass sich ein Einblick in Kalliwodas Concertini lohnt, wird schon aus der Anzahl seiner derart bezeichneten Kompositionen deutlich. Damit rückt nicht nur ein bestimmter Werkbestand genauer
als bisher in den Blick, sondern mit ihm auch eine Klasse im Sinne eines Klassifikationsinstruments, das oberhalb oder unterhalb des Gattungsbegriffs angesiedelt werden kann. Mit anderen Worten: Dem Namen nach ist das Concertino ein Teilbereich des mit der Bezeichnung Konzert nur ungenügend differenzierten Gattungskonglomerats, über den bislang kaum geforscht worden ist. Vorderhand ist noch nicht entschieden, ob das Concertino genügend Definitionskriterien aufweist, um sich sogar als eigene Gattung in der Musikforschung zu etablieren.
Um es gleich vorweg zu sagen: Der im Titel formulierte Gegensatz ist ein künstlicher; es ging darum, zwei Begriffe unterzubringen, die sich aufdrängen, wenn man über Kalliwoda oder jeden anderen beliebigen Komponisten der neueren Zeit nachdenken will. Ernsthaft kann jedoch niemand auf den Gedanken verfallen, dass die angesprochenen Sphären sich einander ausschließen oder gegenläufig sind – will heißen: Wenn ein musikalisches Werk sich als konsumtauglich erweist, sich mithin gut verkauft, kann es durchaus wie auch immer gearteten ästhetischen Maßstäben verhaftet sein. Zudem: Während Konsum durchaus messbaren Kriterien unterliegt, die ihrerseits mit belastbaren Quellen zu untermauern sind, begibt man sich mit der musikalischen Ästhetik auf ausgesprochen problematisches Terrain. Eine allein gültige Ästhetik hat es nie gegeben, allenfalls eine dominierende Meinung, die aus jeweils zeitgenössischen oder auch späteren Urteilen, vor allem der Presse und der Fachliteratur, ablesbar ist. Jene Urteile sind ihrerseits Wandlungen unterworfen. Sie gehen mit der Zeit, wie man so schön sagt; und um einen weiteren Gemeinplatz nicht unerwähnt zu lassen: Die Geschmäcker sind verschieden, ebenso die bewussten oder weniger bewussten Orientierungen und Formen der Identifikation. Man kann es – vielleicht etwas provozierend – zuspitzen: Ästhetik ist der Geschmack derer, die gelernt haben und es für notwendig erachten, ihn in begründende Worte zu gießen.
Zwischen 1829 und 1846 hielt sich Johann Wenzel Kalliwoda sechsmal in Leipzig auf, um in eigenen Konzerten oder im Rahmen der Mitwirkung an einem regulären Abonnementkonzert im Gewandhaus eigene Kompositionen aufzuführen und seine Fähigkeit als Violinvirtuose unter Beweis zu stellen. Und zwischen 1826 und 1869 standen rund hundert Mal Kompositionen auf den Programmen von Konzerten in Leipzig. Allerdings konzentrieren sich die Aufführungen auf die Jahre bis 1846; von 1849 bis 1869 erklangen nur noch sechsmal Werke von Kalliwoda. Das Jahr seiner letzten öffentlichen
Präsenz in Leipzig markiert also gleichzeitig das Ende seiner Popularität, soweit sie sich an den Aufführungen seiner Werke in Leipziger Konzerten festmachen lässt. Kalliwoda selbst legte großen Wert darauf, dass seine größeren Instrumentalkompositionen von Leipzig aus bekannt wurden; fünf seiner sieben Sinfonien, neun seiner über zwanzig Ouvertüren sowie drei seiner sechs veröffentlichten Violinconcertini erlebten ihre Uraufführung in Leipzig (siehe Anhang I).
Als Johann Wenzel Kalliwoda im Jahr 1822 seinen Dienst in Donaueschingen antrat, übernahm er ein Orchester, das 1762 als Fürstlich Fürstenbergische Hof- und Kammermusik von Fürst Joseph Wenzel gegründet worden war. Karl Egon III. löste das Orchester nach über hundert Jahren, kurz vor der Pensionierung Kalliwodas, zum Ende des Jahres 1865 auf. Der erste Teil des folgenden Beitrags beschreibt die aus der Donaueschinger Hofmusik hervorgegangene Harmoniemusik bis zum Jahr 1840. In einem zweiten Teil ist auf eine besondere Konkurrenz einzugehen, die dem Kapellmeister Kalliwoda seit 1840 in dem selbstbewussten und in seiner Funktion als Dirigent der Harmoniemusik seit 1846 auch offiziell bestätigten Ludwig Rinsler erwuchs. Der dritte Teil untersucht das in Donaueschingen gespielte Repertoire, wobei der Schwerpunkt auf den Originalwerken und Bearbeitungen liegt, die Kalliwoda für die Bläserbesetzungen schrieb.
Als Johann Wenzel Kalliwoda im Dezember 1822 sein Amt als Fürstlich Fürstenbergischer Hofkapellmeister antrat, lag für ihn bereits eine fertige Stellenbeschreibung vor: Die "Instruction für den Hofkapellmeister" wurde für seinen Vorgänger Conradin Kreutzer im Jahr 1817 verfasst. Darin heißt es in §1: Die Direktion des Hofkapellmeisters erstrecke sich "auf jede Gattung von Musik, die von der Hofkapelle oder auch einzelnen Gliedern derselben ausgeübt wird. Dazu gehört Kirchenmusik, Kammermusik, Conzert- und Theatermusik". Nicht nur in dieser Aufzählung erscheint der sakrale Bereich an erster Stelle, sondern auch in der detaillierten Anweisung des §2: "Kirchenmusik wird alle Sonn- und Feiertage aufgeführt, wobei das sämtliche Gesang- und Orchester-Personale zu erscheinen hat. Es soll in Hinkunft auf dieselbe kein geringerer Fleiß verwendet werden, als auf die übrigen musikalischen Productionen." Diese beiden Paragraphen werfen in Bezug auf die Kirchenmusikpraxis in Donaueschingen gleich drei Fragen auf, die mit Blick auf die Realität kritisch zu prüfen sind: Wie oft wurde umfangreiche Kirchenmusik tatsächlich aufgeführt? War überhaupt der Bedarf dafür da? Und welche Art von Musik erklang de facto in der Stadt- oder Hof- oder Schlosskirche St. Johann?
Johann Wenzel Kalliwoda
(2021)
Johann Wenzel Kalliwoda war in Prag zum Geiger und Komponisten ausgebildet worden. Dass er auf seiner ersten größeren Auslandsreise nach Donaueschingen kam und dort eine Stelle als Geiger und Kapellmeister annahm, ist nicht erstaunlich. Denn die mediatisierte Familie zu Fürstenberg hatte enge Verbindungen nach Böhmen und pflegte in der südwestdeutschen Kleinstadt ein reges musikalisches Leben in der Tradition der Musenhöfe des 18. Jahrhunderts. Warum aber blieb Kalliwoda mehr als 40 Jahre lang in Diensten der Familie zu Fürstenberg? Als Kapellmeister in ständischer Tradition
gehörten dort Gelegenheitskompositionen für Familienfeiern, kirchliche Feste und für die Harmoniemusik zu seinen Aufgaben. Seit den 1830er Jahren war er aber auch ein überregional sehr erfolgreicher Komponist und musste den Ansprüchen der Verleger, der bürgerlichen Konzertpublika in den musikalischen Zentren und einer scharf urteilenden Musikkritik entsprechen. Wie prägten diese unterschiedlichen Anforderungen sein kompositorisches Werk? Und wie sah er sich selbst: Als ein etwas aus der Zeit gefallener Hofkapellmeister oder als ein moderner bürgerlicher Komponist?
Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften hat im Jahre 2002 eines der alten und großen Editionsprojekte der deutschen evangelischen Kirchengeschichte wieder aufgegriffen: „Die Evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts“, begonnen 1902 vom Erlanger Kirchenrechtler Emil Sehling, 1955-1980 fortgeführt vom Göttinger Institut für Kirchenrecht der EKD. Die bisher erschienen 15 Bände decken im Wesentlichen Ost- und Mitteldeutschland sowie Bayern, Niedersachsen und Hessen ab. Auch ein Band „Baden-Württemberg I“ erschien schon 1977: Gunter Franz edierte darin die Ordnungen der Grafschaft Hohenlohe. Zur Zeit wird nun in Heidelberg ein Band „Baden- Württemberg II“ vorbereitet, der die Territorien Württemberg, Baden, Limpurg und das Kinzigtal sowie die Kraichgauer Ritterschaft behandeln wird. Die Reichsstädte sollen dann in einem eigenen Band zusammengefasst werden. Die hier vorgestellten Mandate stellen gewissermaßen Spolienfunde dieser Arbeit dar, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in die Edition aufgenommen werden können.
In der Bregenzer Chronik von 1616 ist zu lesen, dass das Ende der Hilzinger Sturmglocke 1525 durch einen Befehl des Hauptmanns Mark Sittich von Ems (Hohenems in Vorarlberg) besiegelt wurde. Er ließ die Glocke von etwa 50 Bauern über den Bodensee nach Bregenz bringen. Die Bauern ließ er dort aufhängen – eine Strafe, die im Bauernkrieg ihresgleichen suchte. »Das vielschichtige Thema ›Glocke‹, so peripher es manchem vielleicht im ersten
Moment scheinen mag, gehört zu einem ganz fundamentalen, insgesamt noch ungenügend erforschten Bereich mittelalterlichen Lebens: zum Signalwesen, das seinerseits ein wichtiges Teilsystem des gesamten Kommunikationsnetzes bildete.« Dies bewegte uns daher, das Thema »Glocke« auch für den Hegau näher zu betrachten. Leider fehlen schriftliche Zeugnisse von bäuerlicher Seite nahezu vollständig.
"Musicus peritior non erat"
(2016)
Die ,Vita Herimanni', die Lebensbeschreibung Hermanns des Lahmen, die sein Schüler Berthold von Reichenau wohl bald nach Hermanns Tod 1054 verfasst hat, enthält unter anderem folgende Aussage: "Cantus item bystoriales plenarios, utpote quo musicus peritior non erat, de sancto Georgio,
sanctis Gordiano et Epimacho, sancta Afra martyre, sancto Magno confessore et de sancto Wolfgango episcopo mira suavitate et elegantia euphonicos praeter alia huiusmodi perplura neumatizavit et composuit". Dieses Zeugnis für die kompositorische Tätigkeit Hermanns findet sich in einem
Passus, der seine Verdienste um (in dieser Reihenfolge) Computus, Astronomie, Geometrie, Musik, Geschichtsschreibung, Dichtung und artes mechanicae würdigt.