920 Biografien, Genealogie, Insignien
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Nachruf auf Dr. Franz Götz
(2020)
Der Hegau ist ärmer geworden. Ich habe das Gefühl, dass sein Fehlen jetzt schon spürbar ist. Dr. Franz Götz, der Alt-Kreisarchivar, war wie kaum ein anderer mit der Hegau-Landschaft verbunden. Lieber Franz, Du warst in bewundernswerterweise zufrieden mit Deinem Leben und bereit für diesen Abschied von hier und vom Hegau. Du hast alles bestens geregelt – und mir dabei die ehrenvolle und zugleich schmerzvolle Aufgabe übertragen, hier über Dich zu sprechen. Ob ich dem gerecht werden kann? Ich will’s versuchen.
»Das Leben ist der größte Lehrmeister; ihm zahlt man die höchsten Honorare!« Mit diesem Zitat leitet Carl Alfred Kellermann seine Autobiographie ein, die er 1907 in Erzählform mit dem Titel »Tagebuch eines Hauslehrers. Reminiszenzen in allen Potenzen « unter dem Pseudonym Dr. v. Wedel herausgegeben hat. Da Kellermann heute fast vergessen ist und bisher Weniges, meist nur Lückenhaftes, über ihn geschrieben wurde, soll er hier, soweit es die verfügbaren Quellen hergeben, vorgestellt werden.
Im Fremden daheim
(2020)
Im Jahr 2021 finden in Radolfzell die baden-württembergischen Heimattage statt. Ein reichhaltiges, buntes Programm widmet sich dem Thema. Zugleich begeht die Trachtengruppe Alt-Radolfzell ihr 100-jähriges Bestehen und das stadtbildprägende Österreichische Schlösschen feiert den 400. Geburtstag. Mehr Heimat geht nicht – oder? Gerne in Vergessenheit geraten jene Menschen, die hierher geflohen sind, zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, und für die inzwischen Radolfzell ebenso Heimat bedeutet wie für die Alteingesessenen. Der Beitrag ist eine erste Spurensuche und zugleich ein Appell, sich zu melden, um wenigstens einige Schicksale von Menschen, die nach 1945 hier flüchteten, aufzuzeichnen und deren Leistung für den Hegau
wertzuschätzen.
Von den 508 Opfern der NS-»Aktion T4« aus der Anstalt Reichenau sind 17 Opfer »aus der Schweiz«. Diese Patienten und Patientinnen sind meist in den 1920er und 1930er Jahren aus der Schweiz »ausgeschafft« worden, obwohl sie in der Schweiz geboren wurden, zur Schule gegangen waren und gearbeitet hatten, jedoch kein dauerndes Aufenthaltsrecht (»Bürgerrecht«) besaßen, weil ein Elternteil (oder die Eltern) ursprünglich aus Baden oder Württemberg in die Schweiz eingewandert war.
Mit einer neuen Präsentation zeigte sich das seit 1939 geschlossene Heimatmuseum Radolfzell 1956 in den Räumen des Scheffelschlösschens. Zuvor hatte »Frau Dr. Schulz« (vermutlich Dr. Elfriede Schulze-Battmann) vom Staatlichen Amt für Denkmalpflege in Freiburg den Museumsbestand inventarisiert. In der Rubrik (VII) Schmuck hatte sie einen zahlenmäßig kleinen Bestand erfasst, zu dem insbesondere Broschen, Anhänger, Ringe und Gürtelschnallen gehören. Unter der Position 31 ist aufgeführt: »Krawattennadel, golden, Indianerkopf (Pfandstück von Kaufmann M. Abraham v. Dresden) in Umschlag«. Das Objekt stammte nicht aus der 1906 vom Gemeinderat initiierten und von der Bürgerschaft zusammengetragenen Altertümersammlung. Bei einer ab 1985 vom Verfasser durchgeführten Überprüfung des Museumsbestandes war der »Indianerkopf« nicht mehr auffindbar. War er nach der
Schließung des Museums auf der Halbinsel Mettnau 1962 und der anschließenden Verlagerung der Exponate in verschiedene Magazinräume abhandengekommen?
Am 29. November 1919 lief bei der Gemeindeverwaltung Öhningen ein nicht alltägliches Baugesuch ein. Antragsteller war Walter Polich, Inhaber eines großen Leipziger Kaufhauses; Gegenstand seines Schreibens: die Errichtung eines »Wohnhauses mit freistehendem Maleratelier und Holzschuppen« im Kattenhorner Gewann Im Sand. Noch im selben Jahr genehmigte die Ortsbaukommission das Gesuch, war die Gemeinde doch »durch den Krieg in große Schulden gekommen«, sodass der Bau als »dringend und im Interesse der Gemeinde gelegen« angesehen wurde.
Im Jahr 1901 wurde in Steglitz bei Berlin der »Wandervogel – Ausschuß für Schülerfahrten e.V.« gegründet. Von dort nahm die deutsche Jugendbewegung ihren Anfang, deren Ausläufer um 1911 auch den Bodensee erreichten. Es waren meist zugereiste Akademiker, die in den Bereichen von Naturschutz, Medizin, Ernährung, Körperkultur und Sexualität eine neue Handlungsethik einforderten, getreu der Selbstverpflichtung beim Ersten Freideutschen Jugendtag am 11./12. Oktober 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel: »Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein!«
Anfang 1929 schrieb der Tengener Apotheker Hubert Schmalz (1884–1929) einen verzweifelten Brief an Dr. Weiss in Heidelberg, den Visitator der badischen Apotheken. Er schließt mit den Worten: »Ferner ist zu erwähnen, daß Apotheker Krummel vollständig hier vertrauert ist. Sein Nachfolger Dr. Schad ließ man nur kurze Zeit hier. Ich stand mit ihm lange in briefl. Korrespondenz und seine Briefe über Tengen lauteten absolut nicht rosig. Herr Kollege Böhringer hat sich vor lauter Verzweiflung vergiftet. Kollege Eccard war ein ganzes Jahr auf der Reichenau [soll heißen: in der Psychiatrie, d. V.], bis er sich wieder erholt hatte. Ich selbst sitze nun schon volle 5 Jahre in Tengen. Was das heißt, weiß nur derjenige, der Tengen kennt. Die Bitte eines Mannes, der schon über 20 Jahre im Dienst ist, ist nun die, laßt mich da oben nicht sterben und verderben.«
Nicht erst im Zweiten Weltkrieg waren der Hegau und die Schweizer Grenze ein Traumziel für kriegsgefangene alliierte Offiziere, die aus Deutschland fliehen wollten. Hier winkte schon im Ersten Weltkrieg die grüne Grenze, die von deutscher Seite so schwer zu überwachen und von den flüchtigen Offizieren so leicht zu überqueren war. Allerdings musste man zuerst einmal soweit kommen, und zwar vom Offiziersgefangenenlager in Ingolstadt aus, dem so genannten Fort 9. Ingolstadt war im Ersten Weltkrieg das, was Schloss Colditz in Sachsen im Zweiten Weltkrieg werden würde: ein Hochsicherheits-Gefangenenlager für britische, französische und russische Offiziere, die schon einen Fluchtversuch aus einem anderen Lager hinter sich
hatten und wieder »geschnappt« worden waren.
War die Wahl des Familiennamens »Ortlieb« womöglich programmatisch gedacht? Als Levi Salomon 1810 vom badischen Bezirksamt erneut und mit dringlicher Mahnung aufgefordert wurde, einen nicht hebräisch klingenden Nachnamen anzunehmen, entschieden sich er und seine Geschwister für den sehr deutsch klingenden Familiennamen Ortlieb. Was mag Levi Salomon und seine Familie bewogen haben, diesen seit dem frühen Mittelalter gebräuchlichen Namen auszuwählen? War es seine Belesenheit in Geschichte und Literatur, seine Liebe zum elsässischen Wein – dort wächst eine robuste und süß schmeckende Rebsorte gleichen Namens, auch Knisperle genannt – oder wollte er mit der Wahl dieses sehr deutschen Nachnamens
seine Zugehörigkeit zum Dorf Wangen, zum Hegau und zum deutschen Sprachraum ausdrücken? Dann kommt die Namenswahl fast schon einem politischen Statement gleich.